Funeral-Doom-Reise: Etappe 1: Österreich, Schweiz, Deutschland (Süden)

Text: Jazz Styx
Veröffentlicht am 14.01.2021

Intro

Funeral Doom ist vielleicht nicht gerade das lebensfroheste Subgenre der großen Metal-Spielwiese, aber… Nein, kein Aber. Funeral Doom ist der direkte klangliche Mangel an Lebensfreude. Depressiv bis nihilistisch dröhnt und rauscht er sich meist mit einer Mischung aus Death Metal und doomiger Langsamkeit in die Ohren seiner Hörer.
Diesem wunderbaren Genre soll hiermit ein schriftliches Denkmal gesetzt werden: eine Reise durch den aktuellen Funeral Doom.
Welche Band nun tatsächlich Funeral Doom spielt und welche vielleicht doch eher Death Doom, wird hier simpel nach ihrer Kategorisierung in der Encyclopaedia Metallum festgestellt. Welche Band „aktuell“ ist, wird beinahe willkürlich darauf festgelegt, dass sie aktuell als „nicht aufgelöst“ gelten und in den letzten fünf Jahren mindestens eine Studio-LP oder -EP veröffentlicht haben muss – Ausnahmen bestätigen auch diese Regeln. Wer eine Band vermisst, schreibe gern den Stormbringer an und beschwere sich freundlich – vielleicht gibt es dann Nachträge.


Österreich

Wie sollte es anders sein, beginnen wir unsere Reise in Österreich, der Heimat des Stormbringers. Leider sind die todtraurigen Klänge des Funeral Dooms hier selten zu hören. Lediglich im Salzburger Land findet sich eine Band.

SELENITE

SELENITE ist, wie im Funeral Doom keine Seltenheit, ein Projekt einer einzelnen Person: Stefan Traunmüller. Er ist auch bekannt für andere Solo-Projkete wie GOLDEN DAWN und RAUHNÅCHT und Bands wie THE NEGATIVE BIAS und WALLACHIA. Unter dem Namen SELENITE hat er erst ein Album veröffentlicht. 2019 erschien nach langjähriger Arbeit die Debüt-LP „Mahasamadhi“, die stark von östlicher Spiritualität beeinflusst ist. Mantrahaft erklingt oft Klargesang, aber auch gewaltiger Gutturalgesang ist zu hören. Im Gegensatz zu vielen anderen Funeral-Doom-Alben gibt es hier eine außergewöhnliche Vielseitigkeit, die jedoch der getragenen Atmosphäre keinen Abbruch tut. SELENITE ist eher episch als nihilistisch, eher zeremoniell als vernichtend.

Schweiz

Für einen sehr, sehr kurzen Abstecher geht es in die Schweiz, die aktuell zwar eigentlich nahezu keinen Begräbnis-Doom zu bieten hat, aber da das Schweizer Funeral-Doom-Urgestein MORDOR nach einer Ewigkeit der Stille 2017 einen Beitrag zu einer Split mit BUNKUR beigesteuert hat, machen wir diesen Umweg gerne. Darauf ist ein Cover des VENOM-Songs „In League With Wotan“ zu hören – tiefschwarz, gitarrenlastig und ein Ohr wert für alle, die ihren Black Metal doomig, pompös und sogar etwas folkig mögen. Wie viel Funeral Doom darin steckt, darf allerdings gern diskutiert werden.


Deutschland (Süden)

Unsere Reise führt uns nach Deutschland, wo es so viel Funeral Doom gibt, dass wir das Land in zwei Hälften teilen müssen. Da uns die abgedroschene Ost-West-Teilung auch seit der Beerdigung der DDR nicht sonderlich geholfen hat, ziehen wir einen waagerechten Strich und hören zuerst in die südlicheren Bundesländer hinein. Die Ordnung der folgenden Bands sei hierin allerdings alphabetisch, nicht geografisch oder wertend.

AHAB

Den Auftakt in Deutschland machen AHAB, die für viele Funeral-Doomer wohl zur Speerspitze des Genres gehören. Ihr „Nautik Funeral Doom“ füllt seit 2004 mal mit fiktiven, mal mit realen Geschichten um das Meer und seine faszinierende Gewalt vier Studioalben. Zuletzt 2015 erschien „The Boats Of The Glen Carrig“, was eventuell maßgeblichen Einfluss auf die Definition des Wortes „aktuell“ für diese Reise durch den Funeral Doom genommen haben könnte. Wie sollte sich auch über Funeral Doom sprechen lassen ohne AHAB? Mal plätschern bei ihnen ein paar gemütliche Wellen ans Ufer, mal türmen sich die Wassermassen zu bedrohlicher Schwere auf, mal ist der Gesang ruhig und klar, mal tief und guttural, geradezu zermalmend. Um AHAB kommt kein Funeralist herum!

DISPERSED ASHES

Aus dem Meer geht unsere Reise in die Traurigkeit der endlosen Einsamkeit. Passend dazu ist DISPERSED ASHES das Solo-Projekt des zu dessen Entstehungszeiten Stuttgart lebenden britischen Malers, Zeichners und Fotografen Mark Thompson. Er verteilt die Asche mittlerweile auf drei Alben. Das aktuelle ist von 2018 und trägt den Namen „Optical Memory“. Traurige, oft monotone, rhythmisch eher aufwühlende Klänge zwischen Funeral Doom und Black Metal verbinden sich darauf mit einem heiseren Gutturalgesang. Das relativ rohe Schlagzeug ist gerade in den ruhigen Passagen sehr präsent. Lähmender Schmerz ist spürbar. Eine klare Empfehlung für die Interessenten an deutlich depressiv ausgelegtem Funeral Doom.

FROWNING

Auch bei FROWNING handelt es sich um eine Ein-Mann-Band, deren Kopf, Körper und Gliedmaßen sich den Namen Val Atra Niteris gegeben haben. „Death Requiem“ ist der sehr funeralige Name von FROWNINGs drittem Album. Eisig durchfährt es einen, wenn man darauf den Wind durch große Gemäuer ziehen und das böse gutturale Grollen durch die Leere hallen hört. Der Soundtrack für viel zu schwere Gedanken am Fuße eines lang schon ausgedienten Altars. Freunde des traurigen bis depressiven Weniger-ist-mehr-Minimalismus kommen hier voll auf ihre Kosten. Wie die Leere, wenn der Körper beschlossen hat, sich für das Übermaß an schweren Emotionen taub zu stellen.

HEGESIAS

Der nächste Abschnitt unserer Reise führt in die Berge. Beißend kalter Wind hüllt den Zuhörer in ein unwohliges Kleid, das mal mit schrillen Gitarrentönen, mal mit schepperndem Drum-Gebolze zu beunruhigen weiß. HEGESIAS ist zugleich der Name des Musikprojekts wie des Menschen hinter den Klängen, die in der gekonnten, eigentlich gleichförmig-einlullenden Funeral-Doom-Stimmung wohl bewusst auf ein anstrengendes Hörempfinden setzen. Auch im seltenen „Gesang“ – Schmerzensschreie – wird nicht gerade auf Wohlgefallen abgezielt. 2019 erschien das Debüt-Album „Mountains“ und 2020 wurde die EP „Those Days in November“ veröffentlicht. Für HEGESIAS sei eine gewisse Portion musikalischen Masochismus empfohlen.

LONE WANDERER

Ausgerechnet auf der folgenden Passage der Reise, auf der allein gewandert wird, ist man mal wieder zu viert. LONE WANDERER aus Baden-Württemberg legen 2020 mit „The Faustian Winter“ ihr zweites Album vor. In formvollendeter Unaufgeregtheit schleppt sich die Platt durch eine glatte Stunde unausweichlicher Unveränderlichkeit. Wo andere Trauer, Wut, Verzweiflung ausdrücken, treffen LONE WANDERER die perfekte Stimmung des akzeptierenden Pessimismus: kein Kampf, keine Hoffnung, nur bitteres Dasein – aber in überwältigender Schönheit. Wenn man Abwechslungsarmut und eine naturgewaltig grollende Stimme mag, sind LONE WANDERER Pflicht!

MODARIN

Nicht weit müssen wir reisen, um zum ebenfalls in Baden-Württemberg lebenden Eric Schickle, der unter dem Namen MODARIN eine entspannende und naturnahe Variante des Funeral Doom spielt. Auf dem Debüt-Album „In The Distance“, das Anfang 2020 erschien, geht es mitunter typisch schwer zu, aber es gibt auch Abschnitte, in denen die Musik ganz auf eine entspannend gespielte, unverzerrte Gitarre reduziert wird. Auch dadurch sind Überschneidungen zu Atmospheric Black Metal gegeben. Im vergangenen Herbst erschien noch eine EP mit dem Titel „Aufbruch in die Ungewissheit“. Mit MONDARIN kann man sich an einem noch sehr jungen Projekt mit Klängen im Kontrast von Vergänglichkeit und Zeitlosigkeit erfreuen.

PAID CHARONS FARE

Auch in Rheinland-Pfalz gibt es Funeral Doom, wenngleich dieser auch eine stärkere Death-Lastigkeit besitzt. Heiko Borkowski hat 2015 das bisher einzige Album mit dem zum Beerdigungs-Genre passenden Namen „Mourn“ aufgenommen. Auch der Projektname PAID CHARONS FARE passt dazu, verlangt doch der düstere Fährmann aus der griechischen Mythologie einen Obolus, um die Verstorbenen über den Totenfluss in der Unterwelt zu befördern. Eher roh, gitarrenlastig und gelegentlich auch etwas schneller, als die Doom-Polizei erlaubt, mit gutturalen wie klaren Vocals. Seit 2018 ein einzelner Song erschien, ist es allerdings still um Heikos Doom geworden.

SYGDOM

Einen weiteren Halt machen wir in Sachsen. Dort gibt es Blackened Funeral Doom, der auf den Namen SYGDOM (dänisch für Krankheit) hört. Selbst für das Genre geht es auf der ersten und einzigen EP „Onkosphaere“ – eine Bezeichnung für eine Bandwurmlarve – außergewöhnlich langsam zu. Düster bis furchtbar fressen sich eine knappe Viertelstunde lang langgezogene Gitarrenklänge durch die Eingeweide der Hörer und suhlen sich im schwarzen Blut faulender Eingeweide. Ein „schöner“ Start, der auf mehr schwarzen Doom hoffen lässt.

THE COLD VIEW

Die letzte Station der ersten Etappe unserer Reise durch den aktuellen Funeral Doom lässt uns A.A.S. begegnen, der unter dem Projektnamen THE COLD VIEW aus Hessen heraus leicht drone-igen Funeral Doom spielt. 2019 erschien sein viertes Album unter dem Titel „Born Banished Beaten Broken Buried“. Mit einer tiefen Stimme an der Grenze zum dröhnenden Rauschen von Wind über totes Geröll schleppt sich die LP monoton durch den Raum zwischen den Ohren und hinterlässt auch dort eine Atmosphäre von wüster Leere.

Nun tragen wir die erste Etappe durch die kalte Tragik des Funeral Doom zu Grabe, doch in Kürze reisen wir weiter durch die langsam-nihilistischen Klänge. Nächster Halt: Norddeutschland.


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