Funeral-Doom-Reise: Etappe 3: Niederlande, Belgien, Luxemburg

Text: Jazz Styx
Veröffentlicht am 28.01.2021

Intro

Funeral Doom ist vielleicht nicht gerade das lebensfroheste Subgenre der großen Metal-Spielwiese, aber … Nein, kein Aber. Funeral Doom ist der direkte klangliche Mangel an Lebensfreude. Depressiv bis nihilistisch dröhnt und rauscht er sich meist mit einer Mischung aus Death Metal und doomiger Langsamkeit in die Ohren seiner Hörer.
Diesem wunderbaren Genre soll hiermit ein schriftliches Denkmal gesetzt werden: eine Reise durch den aktuellen Funeral Doom.
Welche Band nun tatsächlich Funeral Doom spielt und welche vielleicht doch eher Death Doom, wird hier simpel nach ihrer Kategorisierung in der Encyclopaedia Metallum festgestellt. Welche Band „aktuell“ ist, wird beinahe willkürlich darauf festgelegt, dass sie aktuell als „nicht aufgelöst“ gelten und in den letzten fünf Jahren mindestens eine Studio-LP oder -EP veröffentlicht haben muss – Ausnahmen bestätigen auch diese Regeln. Wer eine Band vermisst, schreibe gern den Stormbringer an und beschwere sich freundlich – vielleicht gibt es dann Nachträge.

Luxemburg

Nachdem uns die Funeral-Doom-Reise in den letzten beiden Etappen durch die D-A-CH-Staaten führte, warten nun die BE-NE-LUX-Staaten auf uns. Den Start macht das südlichste der drei Länder: Luxemburg. Dort war nur ein einziges Funeral-Doom-Projekt anzutreffen.

TRANQVILLITAS MARIS

Daniel Paiva hat mit seinem Musikprojekt TRANQVILLITAS MARIS 2016 die zweite LP veröffentlicht: „The Glorious Demise Of All Life“. Das stille Meer und der glorreiche Untergang allen Lebens. Damit sind bereits zwei Kernthemen des Genres erwähnt: Naturgewalten und Endlichkeit. Die aufgebaute Atmosphäre ist nicht außergewöhnlich, aber nach allen Regeln der Funeral-Doom-Kunst aufgebaut. Somit hat auch Luxemburg einen Halt auf unserer Reise verdient.

Belgien

Weiter geht die Reise in Belgien. Man mag meinen, dass auch hier nur eine schnelle Zwischenstation eingeschoben würde, aber würde man die Region klar unterschätzten. Ganze neun Bands und Projekte, die sich dem Funeral Doom widmen, hat Belgien zu bieten – auch wenn einige davon aus der gleichen Feder stammen. Darunter ist aber mindestens eines der beeindruckendsten des ganzen Genres. Die Reihenfolge der belgischen Bands soll nun aber alphabetisch und nicht nach Wertung oder Geographie erfolgen.

BEYOND BLACK VOID

In Belgien kommt der geneigte Funeralist nicht an Stijn Van Cauter vorbei. Wir werden ihm noch bei drei weiteren Projekten begegnen, aber zuerst soll es nun um BEYOND BLACK VOID gehen. Mit diesem Bandnamen brachte Stijn 2019 nach 16 Jahren anderweitiger Beschäftigung das zweite Album „Voidgaze“ heraus. Darauf begegnen sich Funeral Doom und Drone und schaffen ein gigantisches Nichts, eine Leere, deren Präsenz durch ein getragenes, schepperndes Dröhnen ausgedrückt wird, das mitunter an die Grenze des musikalisch Angenehmen geht und gerade dadurch beeindruckt.

DWAELLICHT

Obwohl DWAELLICHT – bestehend aus Jense und Jef – ihren Funeral Doom mit Death Metal anreichern, verliert er keine Langsamkeit und kein Gewicht an die Gewalt des Todes-Genres. Die sonst mitunter zerreißende Hoffnungslosigkeit wird hier allerdings von einer geradezu brutalen Gleichgültigkeit überschattet. Bei dieser Beerdigung sind auch die Trauergäste tot. Bedauerlich, dass DWEALLICHT erst ein Demo und 2020 nun die EP „Te vuur en te zwaard“ auf dem Markt haben. Davon kann man sich nur ganze Alben wünschen.

GRUULVOQH

Zurück zu Stijn Van Cauter, dessen zweites Musikprojekt auf unserer Reise GRUULVOQH heißt. 2019 brachte er unter diesem Titel das erste und bislang einzige Album heraus. „The Eternal Traveller“ konzentriert sich auf den Weltraum und das Leben darin. Dazu wird an die Grenzen des Funeral Doom gegangen und reichlich Atmospheric Black Metal eingemischt. Mit vergleichsweise hohen Tönen, Schwerpunkten auf den Becken, fast folkig-sphärischen Synths wird ein ungewöhnliches Feld aufgemacht. Leider liegt hinter alledem ein schepperndes Dröhnen, als würde der Nachbar mit seiner Kreissäge den Musikgenuss stören.

INFRAMONOLITHIUM

Das dritte Funeral-Doom-Projekt von Stijn Van Cauter auf unserer Reise heißt INFRAMONOLITHIUM und ging 2019 in die zweite LP-Runde. Auf „The Lightless“ sind wir zurück in den typischen tief grollenden Klangwelten, die uns bei Zeitlupe-Gewitter in die dunklen Räume verfallender Bauten sperren. Durchschnitten wird das Höllenhundknurren von hohen Keyboard-Tönen, die die pochende Schwere katalysierend kontrastieren – etwas erhellende Traurigkeit im bitteren Nichts.

MONADS

Kommen wir mal wieder zu einer Band mit mehr als einem Kopf. Zu fünft sind MONADS, die 2017 nach sechsjährigem Bestehen ihr Debütalbum „IVIIV“ vorgelegt haben. Im Gegensatz zum sonst manchmal am Computer hochstilisierten Sound gibt es hier mal wieder den vollen Klang durchgehend echter Instrumente, deren Spieler ihre eigenen Interessen mitbringen. Daneben ist das Tempo oft deutlich über dem Doom-Durchschnitt. Das alles lässt die Musik vielleicht ein kleines bisschen weniger zugespitzt wirken, erzeugt aber auch einen vollmundigeres Gesamtbild.

PANTHEIST

Alles ist Gott. Diese Botschaft übermitteln PANTHEIST bereits seit 2000 mittels mal mehr, mal weniger progressivem Funeral Doom. Von den ursprünglichen Mitgliedern ist nur noch Kostas Panagiotou übrig, der mittlerweile in London lebt und den wir auf der vierten Etappe unserer Reise erneut begegnen werden. Er hat jedoch für das fünfte Album „Seeking Infinity“ (2018) begabte Kollegen gefunden, sodass ein außergewöhnlich spannendes und vielseitiges Funeral-Doom-Werk entstehen durfte. Mal erklingen Death-Growls, mal Black-Geheule, mal Klargesang und die Musik dazu ist auch nicht viel eintöniger. Über allem weht eine gute Portion Spiritualität, ein – wie der Albumtitel schon sagt – Suchen, ein Ausprobieren. Sehr gelungen!

RIVEN

Eine weitere Begegnung auf unserer Funeral-Doom-Reise bietet Zeromus mit seinem Solo-Projekt RIVEN. 2018 brachte er das Debütalbum „Hail To The King“ heraus, das durch die begleitende Orgel der Beerdigungs-Thematik näher kommt als die meisten Genremitstreiter. Hinzu kommen nach Sturm klingende Gutturallaute und ein bestechender Minimalismus, vor allem des Schlagzeugs. Das Projekt sollte eigentlich nach dem ersten Album wieder beendet sein, aber im Lockdown wurde es zum Glück wiederbelebt.

SLOW

Es wurde versprochen, dass Belgien ein überragendes Funeral-Doom-Ausnahmetalent besitzen würde. Dabei handelt es sich um Déhà, der haufenweise extrem-metallische Projekte betreibt. SLOW (seit 2017 gemeinsam mit Lore) sticht dabei hervor, gilt es doch unter Genre-Kennern als Quelle überragender atmosphärischer Meisterwerke. Nach der beeindruckenden Nachempfindung des gewaltigen tosenden Meeres auf der 2017er LP „V – Oceans“ – meines Erachtens eines der zwei eindrucksvollsten Doom-Alben aller Zeiten – ging es auf dem 2019er Album „VI – Dantalion“ wieder vielseitiger und lebendiger zu. Sollte man nur in ein einziges Projekt von dieser Reise reinhören wollen, würde man mit den atmosphärischen SLOW sicherlich eine ausgezeichnete Wahl treffen.

UNTIL DEATH OVERTAKES ME

Bevor wir Belgien wieder verlassen, kommen wir noch einmal zu Stijn Van Cauter zurück, denn sein Hauptprojekt, an dem er schon seit über 20 Jahren arbeitet, soll unbedingt noch Erwähnung finden: UNTIL DEATH OVERTAKES ME. Mit „And Be No More“ erschien 2020 bereits das zehnte Album. Die Keyboard-Lastigkeit sorgt für eine sehr spacige, weniger düstere Atmosphäre, aber im Gegensatz zum GRUULVOQH-Projekt hält es sich hier mehr die Waage, sodass man mit  UNTIL DEATH OVERTAKES ME auch warm werden kann, wenn man kein gechillt durchs All treibendes Alien, sondern ein halbwegs finsterer Funera-Doom-Enthusiast ist.

Niederlande

Belgien im Rücken setzen wir zu den niederländischen Nachbarn über. Will man kopfüber in die Klischeekiste springen, könnte man meinen, dass man sich dort substanzbedingt mit langsamer Musik auskenne. Allerdings könnte man dann auch schnell argumentieren, dass Funeral Doom wohl auch der Stoff für üble Trips sind. Wie dem auch sei, jedenfalls halten sich die Niederländer mit dem Funeral Doom eher zurück. Drei Bands ließen sich finden.

FAAL

Scheitern, was der Name FAAL bedeutet, passt. Nicht etwa, weil der deathige Funeral Doom des niederländischen Sextetts – das sind ziemlich viele für eine Doom-Band! – missraten wäre, aber er scheitert an der konsequenten Langsamkeit. Natürlich könnte man auch weniger negativ sagen, dass der Death-Einfluss für Tempo sorgt, aber Negativität passt doch so wundervoll ins Genre. Das aktuelle ist das dritte Album und trägt den ordentlich funeral-doomigen Namen „Desolate Grief“. Wieder einmal kann die größere Zahl der gespielten Instrumente durch unterschiedliche Künstler für eine Atmosphäre von Größe und Fülligkeit sorgen. Scheitern die Sechs an deinem Geschmack?

HALF VISIBLE PRESENCE

Wesentlich knapper kommt das Projekt HALF VISIBLE PRESENCE daher: ein Mann, eine EP, kein Album, keine Kollegen. Dafür legt Arvath eine ordentliche Portion Black Metal mit in die Klänge, die „Three-Faced Scapular Of Death“ bedeuten. Genug, um die Funeral-Doom-Einordnung als nachrangig zu klassifizieren. Also halten wir uns nicht länger mit dem leicht funeral-doomigen Ambient Black Metal auf und kommen langsam zum Ende der Etappe.

UTANGARD

Von UTANGARD (der Geisteszustand der anarchischen Wildheit in der nordischen Mythologie) gibt es nicht mehr als das 2016er Demo „Ginnungagap“ (der bodenlose Abgrund vor der Schöpfung in der nordischen Mythologie). Darauf scheppert das Schlagzeug, dröhnt die Gitarre und Kratzt der windige Gutturalgesang – ein richtig schön trves Underground-Demo halt. Wie ungeschliffen man seinen Funeral Doom mag, muss man dann selbst entscheiden.

So kurz, so knapp geht die dritte Etappe der Funeral-Doom-Reise zu Ende. In Kürze jedoch geht es jedoch auch weiter – und zwar dann mit Funeral Doom von den britischen Inseln.

Bisherige Etappen auf der Funeral-Doom-Reise:

Etappe 1: Österreich, Schweiz, Deutschland (Süd)

Etappe 2: Deutschland (Norden)


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