Funeral-Doom-Reise: Etappe 4: Großbritannien, Nordirland und Irland

Text: Jazz Styx
Veröffentlicht am 04.02.2021

Intro

Funeral Doom ist vielleicht nicht gerade das lebensfroheste Subgenre der großen Metal-Spielwiese, aber … Nein, kein Aber. Funeral Doom ist der direkte klangliche Mangel an Lebensfreude. Depressiv bis nihilistisch dröhnt und rauscht er sich meist mit einer Mischung aus Death Metal und doomiger Langsamkeit in die Ohren seiner Hörer.
Diesem wunderbaren Genre soll hiermit ein schriftliches Denkmal gesetzt werden: eine Reise durch den aktuellen Funeral Doom.
Welche Band nun tatsächlich Funeral Doom spielt und welche vielleicht doch eher Death Doom, wird hier simpel nach ihrer Kategorisierung in der Encyclopaedia Metallum festgestellt. Welche Band „aktuell“ ist, wird beinahe willkürlich darauf festgelegt, dass sie aktuell als „nicht aufgelöst“ gelten und in den letzten fünf Jahren mindestens eine Studio-LP oder -EP veröffentlicht haben muss – Ausnahmen bestätigen auch diese Regeln. Wer eine Band vermisst, schreibe gern den Stormbringer an und beschwere sich freundlich – vielleicht gibt es dann Nachträge.

Vereinigtes Königreich

Als ich einem Nicht-Metaller mal versucht habe, Funeral Doom zu erklären, meinte der, dass Großbritannien wohl das Zentrum dieses Genres sein müsse – wegen des Regens und der schlechten Laune. Immerhin lassen sich tatsächlich acht aktive Bandprojekte dort verorten, aber auch drei ehemalige Bands sollen in aller Kürze Erwähnung finden auf unserer Reise durch den aktuellen Funeral Doom des Vereinigten Königreichs.

ARRANT SAUDADE

ARRANT SAUDADE ist nicht leicht zu übersetzen, da Saudade ein spezifisch portugiesischer Weltschmerz ist – also ganz grob: unverhüllter Weltschmerz. Das allein ist schon sehr funeral-doomig und ein guter Einstieg für unsere Reise, die wir in London beginnen, wo wir Juan, Riccardo und Hangsvart treffen. Letzteren können wir uns für unsere nächste Etappe merken, da wir ihm in Frankreich bei ABYSMAL GROWLS OF DESPAIR erneut begegnen werden. Das erste und einzige Album von ARRANT SAUDADE ist schon 2015 erschienen und heißt „The Peace of Solitude“ – was für ein ausgesprochen positiver formulierter Titel für dieses pessimistische Genre! Tatsächlich vermittelt die LP auch keinen Eindruck maximierten Schmerzes, sondern ein differenziertes Bild eines schwer fassbaren Leidens. Hallender Klargesang ergänzt gelegentlich die tiefen Growls, die in Kombination hervorragend, allein aber etwas substanzlos klingen. Dennoch unbedingt eine Empfehlung!

DARKENED MONESTARY

Dieser Abschnitt unserer Reise wird kurz, denn DARKENED MONESTARY alias Lord Forneus hat 2020 das zweite Demo herausgebracht und es tut selbst mir leiderprobten Extrem-Metal-Fan massiv in den Ohren weh. Der massive Noise-Drone-Ein- bis -Überfluss und der geradezu übertrieben rohe Krach lassen „Through the Woods Across the Fields“ zu einem unerträglichen Albtraum werden. Selten so eine brutale Umsetzung von Unwohlsein erlebt – Respekt!

ESOTERIC

In Birmingham findet man einen echten Dinosaurier des Funeral Doom. Seit 1992 spielen ESOTERIC, 2019 erschien ihr siebtes Album „A Pyrrhic Existence“, das von Progressive Rock und Post-Metal beeinflusst ist. Gerade die progressiveren Tendenzen und schnelleren technisch verspielten Passagen schaffen einen auflockernden Kontrast zu den psychedelisch-ambientigen Anteilen, ohne jedoch die wohlkomponierte Tiefe des rauschhaften Erlebens zu stören. Personelle wie auch musikalische Überschneidungen zu PANTHEIST (siehe Etappe 3 der Funeral-Doom-Reise) sind auszumachen. Wer seinen Funeral Doom etwas komplexer mag, sollte ESOTERIC die eine oder andere Stunde widmen!

ETHEREAL SHROUD

Ein ätherisches Leichentuch legt sich über den nächsten Abschnitt unserer Reise. Bei ETHEREAL SHROUD mischt sich der Funeral Doom mit Depressive Black Metal, wie das Debütalbum „They Became the Falling Ash“ (2015) eindrucksvoll präsentiert. Verzweifelte Schreie, eisiger Wind und sengende Gitarrentöne – Joe Hawker schafft mit diesem Solo-Projekt eine Stimmung der vollumfänglich versiegenden Freude. Hier wird nicht gelächelt!

FALLOCH

Auch in Schottland gibt es Funeral Doom, wenn auch im Fall von FALLOCH erst seit Kurzem. Passend zum Jahr 2020 änderte das Duo mit der EP „Diabolus“ seinen Stil aus der Post-Rock-Richtung zu einem Mix aus Funeral Doom, Drone und Black Metal: nicht immer langsam, nicht immer ruhig, nicht immer in Ordnung, aber durchgängig markerschütternd. Wenn sie diesen Weg weitergehen, dürfen wir aus Glasgow noch einiges an Lebensfreude stehlenden Klängen erwarten, die sich sicher nicht an Genregrenzen stören.

KHAZAD-DÛM

Sprich „Doom“ und tritt ein! Aus den Bewusstseinsebenen von Depression und Wahnsinn treten wir ein in die phantastischen Welten von J. R. R. Tolkien, respektive in die großen leeren Hallen der ausgestorbenen Zwergenstadt KHAZAD-DÛM. Anfang 2020 erschien das Debütalbum mit dem zum Bandnamen passenden Titel „Hymns From The Deep“, auf dem die Stimmen beider Musiker zu hören sind: ein bedächtiger Klargesang – der Zwerge? – und die Death-Schreie der Orks. Ein Stimmungsvolles Werk, das die schier unendlichen Tiefen des Nebelgebirges stilecht zu vertreten weiß.

KOSTAS PANAGIOTOU

KOSTAS PANAGIOTOU ist mal so frei, sein Solo-Projekt nach sich selbst zu benennen. Begegnet sind wir ihm schon auf unserer dritten Etappe, denn er ist das Mastermind hinter PANTHEIST. Da er, wenn er alleine musiziert, allerdings nur entfernt von Funeral Doom angehaucht zu sein scheint und lieber gefühlvolle Piano-Musik zum Besten gibt, sei nur kurz noch sein erstes und einziges Album in voller Länge „Chamber Of Isolation“ aus dem Jahr 2020 – wie passend, betrachtet man den Titel der Platte – genannt, bevor wir unsere Reise fortsetzen.

UNCERTAINTY PRINCIPLE

Die heisenbergsche Unschärferelation besagt in der Quantenphysik, dass … Ach, das interessiert doch gar nicht! UNCERTAINTY PRINCIPLE ist ein experimentales Funeral-Doom- und Drone-Projekt von S. P. White, mit dem er seit 1995 ganze 16 Alben herausgebracht hat. 2019 erschien seine Void-Trilogie („Void“, „Vo2d“ und „Vo3d“), deren noise-ig schepperndes Dröhnen zwar Unwohlsein erzeugt, aber weniger in der tief berührenden Weise, wie zumindest ich es mir von Funeral Doom wünsche. Also reisen wir schnell weiter zu drei Bands, die sich in den letzten Jahren aufgelöst haben, die aber trotzdem kurz erwähnt werden sollen.

ABBOTOIR

ABBOTOIR, das nach dem Debütalbum 2013 als Soloprojekt weitergeführt wurde, beendete seine Funeral-Doom-Karriere 2017 mit der LP „LXI“. Sehr langsam, sehr dröhnend, sehr schwarzmetallischer Gesang, keine Freude, nur Vernichtung – ein nordirischer Alptraum.

DEOS

DEOS haben in den Jahren 2013 und 2015 je ein Album herausgebracht (letzteres heißt „...To Depart“) und finden hier vor allem Erwähnung, weil die beiden Protagonisten des Projekts für den Funeral Doom und darüber hinaus bedeutsam sind. Daniel Neagoe spielt das Schlagzeug bei PANTHEIST, und ist in Projekte wie AEONIAN SORROW und GOD EAT GOD involviert, die uns auf unserer Reise noch begegnen werden. Auch Xander alias Coza gehört zum Line-Up von PANTHEIST und wir werden ihn bei DESCEND INTO DESPAIR in Rumänien wieder treffen. Doch schnell noch ein paar Worte zum äußerst gelungenen Funeral Doom von DEOS: tief, mächtig, schwer, beeindruckend und überaus langsam mit Klargesang und tiefem Grollen – rundum empfehlenswert!

EYE OF SOLITUDE

EYE OF SOLITUDE bestanden unter anderem auch aus den beiden eben bei DEOS gelisteten Künstlern. Diese deathige Funeral-Doom-Band löste sich nach dem Album „Slaves To Solitude“ (2018) auf, das besondere Gurgelgrunzstärke beweist, während instrumental dazu ein relativ üblicher, manchmal ziemlich minimalistischer Sound mit Kalter-Wind-in-alten-Gemäuern-Assoziationen zu hören ist. Es gibt allerdings eine Nachfolge-Band, der wir in Rumänien begegnen werden: MOURNERS.

Irland

Lassen wir das Vereinigte Königreich hinter uns und wenden wir uns der grünen Insel zu. Die Iren beweisen in ihrem Folk und Folk Rock ein außerordentliches Talent für mehr oder weniger subtile Trauer, aber wie sieht es mit der vollen Dröhnung Funeral Doom aus? Sludgig, zumindest in Teilen! Vier Projekte wurden gefunden – alle davon miteinander verbunden.

BACTERIUM

Gerade erst in Irland angekommen erkranken wir auch gleich. Die erst jüngst gegründeten BACTERIUM sorgen mit ihrem 2020er Debüt „Sunt Lacrymae Rerum“ für Ohrenbluten und eine ganze Liste an F-Diagnosen (Psychopathologie). Bezeichnend ist, dass für alle drei Musiker der Truppe angegeben ist, dass sie Keyboard bei BACTERIUM spielen würden. Deshalb verwundert auch nicht, dass ihre Musik wie ein wahnhafter Fiebertraum erscheint: roh, wabernd, psychedelisch, klirrend, einnehmend, überfordernd. Das macht nicht glücklich, lässt aber auch nicht wieder los. Glückwunsch, du hast dir BACTERIUM eingefangen!

BENEATH THE SOD

Unsere Reise scheint sich in Irland zu seinem regelrechten Höllentrip zu entwickeln, denn auch bei BENEATH THE SOD landet der Hörer in einem einkreisenden, eindringlichen, schmerzhaften Alptraum, der sicher nicht dazu konzipiert wurde, ohne Folgeschäden wieder aus ihm herauszuspazieren. Verwunderlich ist das nicht, da BENEATH THE SOD das Soloprojekt von Ray Keenaghan ist, der auch bei BACTERIUM involviert ist – und Vorwarnung: Bei WRECK OF THE HESPERUS werden wir ihm gleich schon wieder begegnen. Hier nun aber ein paar Worte zum einzigen Album des Projekts: „Corcling The Drain“ (2017). Es ist sehr viel Sludge darin enthalten, wodurch neben hoffnungsloser Verzweiflung auch noch dreckiger Ekel tritt. Gemeinsam schaffen sie eine Welt des Schmerzes, die keinen Ausgang kennt. Reinhören auf eigene Gefahr!

CRYPTICUM

CRYPTICUM sollen Erwähnung finden, obwohl das Projekt nicht mehr als die eine Split „Transmorphic Eye“ (2018) mit BENEATH THE SOD herausgebracht hat, denn der einzige Kopf dahinter ist Cathal Rogers, den wir gleich auf unserem letzten Abschnitt der Irland-Reise auch noch mal treffen werden. Im Vergleich mit den anderen irischen Genrevertretern ist die Musik von CRYPTICUM typischerer Funeral Doom, wenn auch mit einer ordentlichen Portion Black Metal – insbesondere in den Vocals. Hier geht es weniger psychedelisch-einlullend zu, dafür wird das große leere Netz des Nihilismus gespannt, das man wiederum aus schierer Kraftlosigkeit nicht wieder verlassen kann.

WRECK OF THE HESPERUS

BACTERIUM, BENEATH THE SOD und CRYPTICUM vereinen sich (in Teilen) und bilden WRECK OF THE HESPERUS, eine Funeral-Doom-Sludge-Band von schmutzig-schrecklicher Angstgewalt. Cathal, Andy und Ray – quasi das Triumvirat des irischen Funeral Doom Metals – schaffen und übertreffen das akustische Äquivalent der Namensvorlage. Das Gedicht „Wreck Of The Hesperus“ von Henry W. Longfellow handelt vom vermeidbaren Untergang eines Schiffes in einem winterlichen Sturm – und von der unschuldigen Hilflosigkeit eines dabei sterbenden Kindes. Doch trotz der Schrecklichkeit dieser Szenerie wirkt sie im Gegensatz zum dritten Album „Sediment“ von WRECK OF THE HESPERUS wie der beglückte Tanz auf einer sonnigen Sommerwiese. Grauenvoll großartig!

Nach dem Besuch beim Funeral Doom der Iren benötigen wir eine Pause. Eine Rast, uns von der Reise durch diese Schrecken zu erholen. Doch bald geht es weiter. Unser Weg führt uns dann nach Frankreich.

Bisherige Etappen auf der Funeral-Doom-Reise:

Etappe 1: Österreich, Schweiz, Deutschland (Süd)

Etappe 2: Deutschland (Norden)

Etappe 3: Niederlande, Belgien, Luxemburg


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