Funeral-Doom-Reise: Etappe 6: Spanien, Portugal

Text: Jazz Styx
Veröffentlicht am 18.02.2021

Intro

Funeral Doom ist vielleicht nicht gerade das lebensfroheste Subgenre der großen Metal-Spielwiese, aber … Nein, kein Aber. Funeral Doom ist der direkte klangliche Mangel an Lebensfreude. Depressiv bis nihilistisch dröhnt und rauscht er sich meist mit einer Mischung aus Death Metal und doomiger Langsamkeit in die Ohren seiner Hörer.
Diesem wunderbaren Genre soll hiermit ein schriftliches Denkmal gesetzt werden: eine Reise durch den aktuellen Funeral Doom.
Welche Band nun tatsächlich Funeral Doom spielt und welche vielleicht doch eher Death Doom, wird hier simpel nach ihrer Kategorisierung in der Encyclopaedia Metallum festgestellt. Welche Band „aktuell“ ist, wird beinahe willkürlich darauf festgelegt, dass sie aktuell als „nicht aufgelöst“ gelten und in den letzten fünf Jahren mindestens eine Studio-LP oder -EP veröffentlicht haben muss – Ausnahmen bestätigen auch diese Regeln. Wer eine Band vermisst, schreibe gern den Stormbringer an und beschwere sich freundlich – vielleicht gibt es dann Nachträge.

Spanien

Wer an Spanien denkt, dem kommen Strände, Sonne und lange Abende bei leckeren Tapas in den Sinn. Nach todtraurig-schmerzverzerrtem Funeral Doom klingen diese Gedanken aber nicht gerade. Da wundert es auch nicht, dass Spanien nicht gerade das Epizentrum des europäischen Beerdigungs-Lärms ist. Vier Bands bzw. Projekte (eigentlich fünf, aber eines ist bei einem NSBM-Label, weshalb wir die wirklich nicht besuchen wollen) haben wir dennoch ausfindig machen können. Viel Spaß! (Oder eben das alternative Gefühl dazu, das man gernhat, wenn man Funeral Doom hört.)

DER FÜHRER DES SCHATTENS

Unser spanischer Reiseabschnitt beginnt mit einer vierköpfigen Truppe von der Ostküste: DER FÜHRER DES SCHATTENS. Sakral anmutende klare Vocals und gutturales Gurgelgrollen fügen sich auf der ersten und bisher einzigen EP „Die Bruderschaft der Folter“ in ein solides Funeral-Doom-Fundament, das wenig herausstechende Features mitbringt. Abgesehen davon, dass die Spanier deutsche Titel für Band, EP und Songs gewählt haben, ragen sie aus der Menge kaum hervor, was von einer ersten EP allerdings auch ziemlich viel verlangt wäre.

EXCURSE

Auch EXCURSE haben erst eine Platte veröffentlicht; 2017 kam das Demo „Veiled“ heraus. Die übliche Thematik der psychischen Störung wird hier mal weniger depressiv als lovecraftig angegangen. Der Funeral Doom ist mit Sludge versetzt und dringt mysteriös-düster bis leicht psychedelisch ins Ohr. M. S., der alleine hinter dem Projekt steht, spielt bewusst mit Unsauberkeiten, um eine gelungen Horrorstimmung zu schaffen. Davon darf es gerne mehr geben!

OF DARKNESS

Bastard und Julkarn sind meistens eher im Black und Death Metal unterwegs. Mit OF DARKNESS wenden sie sich dem Funeral Doom zu. Auf dem ersten Album in voller Länge „Tribute to Krzysztof Penderecki“ (2015) ehren sie den polnischen Komponisten, was in einem albtraumhaften Durcheinander von typischen Funeral-Doom-Elementen, Ambient-Komponenten und klassischer Musik mündet. Auch der hallend-entstellt-entrückte relativ klare Gesang, der die gutturalen Vocals ergänzt, ist hervorstechend ungewöhnlich. Natürlich kann man Penderecki nicht huldigen und dabei unkompliziert oder einfach sein. Also sollte man für OF DARKNESS schon ein bisschen Interesse am Komplexen mitbringen – dann kann man in die Gelegenheit kommen, Kunst zu erleben.

ORNAMENTOS DEL MIEDO

Bevor wir Spanien verlassen, besuchen wir noch Angel mit seinem Projekt ORNAMENTOS DEL MIEDO („Verzierungen der Angst“) im nordischen Hinterland der iberischen Halbinsel. 2019 hat er das Projektdebüt „Este no es tu hogar“ herausgebracht, was in etwa „Dies ist nicht dein Zuhause“ bedeutet. Atmosphärisch, aber nicht ohne eine gewisse Epik, stimmlich blackened, aber nicht allzu depressiv, gewichtig, aber nicht überragend alleinstehend – ORNAMENTOS DEL MIEDO muss man (noch) nicht überbewerten, aber darf man durchaus auf dem Zettel behalten, wie man so unschön sagt.

Portugal

Portugal ist für viele vor allem ein Reiseziel. Dort gibt es schöne Strände – aber auch gefährliche Wellen. Dort gibt es schöne Innenstädte – aber auch verfallende Gebäude. Dort gehört freudige Geselligkeit zur Kultur – aber auch die Saudade (spezifisch portugiesische sehnsüchtig-weltschmerzliche Melancholie) und der Fado (trauriger Musikstil). Portugal ist also prädestiniert für das Genre Funeral Doom. Und tatsächlich lassen sich vier aktuelle Beispiele in dem schönen Land finden.

ABOMINAMENTUM

ABOMINAMENTUM lassen unsere Reise durch Portugal beginnen. Dahinter steckt Belial Necros Wunsch, sich auch im Funeral Doom auszudrücken. 2019 ließ er sein Projekt daher mit der LP „Abominamentum“ debütieren. Dabei ist ein wummernd-pochendes, krach-bollerndes Rausch-Geschrei-Schmuckstück herausgekommen, als hätte man es in abscheulichen Tiefen geschmiedet – näher an der Welt der Dämonen als an der der Menschen. Diese Schrecken sind ambientig, atmosphärisch und lassen auf mehr von ABOMINAMENTUM hoffen – guter Stoff!

BOSQUE

Nördlich von Porto schuf DM das Funeral-Doom-Projekt BOSQUE, was schlicht und einfach „Wald“ bedeutet. Diese Unaufgeregtheit trägt sich auch durch den Sound des aktuellen vierten Albums „Cleansing“. Zwar ist der getragene, kirchlich anmutende Klargesang durchaus elegisch, aber die Musik bringt eine gewisse natürliche Neutralität mit. Wie ein üblicher Winterwald, den wir zwar vielleicht als trostlos wahrnehmen mögen, der aber doch einfach nur existiert – ungeachtet unserer Interpretation. BOSQUE brilliert in der Kunst, Großes zu schaffen, ohne sich dabei besonderer Extreme bedienen zu müssen. Wunderschön!

CARMA

Aber auch in Portugal gibt es Funeral-Doom-Bands mit mehr als einem Musiker. CARMA aus Coimbra zum Beispiel existieren seit 2012 und haben 2015 ein einsames Album herausgebracht, das ebenfalls den Bandnamen trägt. Sechs für Doom ungewöhnlich kurze Songs präsentieren dem Hörer darauf eine stark von Black Metal beeinflusste Stimmung voller Kontraste aus verträumter Einsamkeit und schwerem Schmerz. Der Gesang trifft passend zur Musik mal einen gekonnten Ton der Verzweiflung, mal eher einen der trauernden Leere. Eine eigentlich starke Band, bei der ich persönlich nicht so recht zu begründen weiß, warum sie mich nicht so sehr bewegt.

OAK

Den letzten Halt in Portugal, bevor die iberische Etappe der Funeral-Doom-Reise endet, machen wir in Porto. Nebst der schönen Stadt und dem hochprozentigen Wein finden wir dort ein Eichen-Duo namens OAK. Pedro und Guilherme haben ihrem ersten und einzigen Album 2019 den ebenfalls sehr knappen Namen „Lone“ gegeben. Wunderbar atmosphärisch, mal leise, mal gewaltig, immer mit einer gewissen Ruhe kann es auf ganzer Linie überzeugen. Es erzeugt Bilder von Bergen, Felsen, Schluchten, die in ihrer kolossalen steinernen Größe zwar überwältigend, doch aber vollkommen unaufgeregt natürlich sind. Dieser Reiseabschnitt darf mit OAK ein besonders gelungenes Ende finden.

Spanien und Portugal haben manch gelungenen Funeral Doom zu bieten. Gespannt sein dürfen wir auf Italien, das Ziel unserer nächsten Etappe. Man sagt sich, dort gebe es eine ganze Menge langsame Töne aus dem Umfeld alter Gräber.

Bisherige Etappen auf der Funeral-Doom-Reise:

Etappe 1: Österreich, Schweiz, Deutschland (Süd)

Etappe 2: Deutschland (Norden)

Etappe 3: Niederlande, Belgien, Luxemburg

Etappe 4: Großbritannien, Nordirland und Irland

Etappe 5: Frankreich


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