Funeral-Doom-Reise: Etappe 15: Russland I

Text: Jazz Styx
Veröffentlicht am 22.04.2021

Intro

Funeral Doom ist vielleicht nicht gerade das lebensfroheste Subgenre der großen Metal-Spielwiese, aber … Nein, kein Aber. Funeral Doom ist der direkte klangliche Mangel an Lebensfreude. Depressiv bis nihilistisch dröhnt und rauscht er sich meist mit einer Mischung aus Death Metal und doomiger Langsamkeit in die Ohren seiner Hörer.
Diesem wunderbaren Genre soll hiermit ein schriftliches Denkmal gesetzt werden: eine Reise durch den aktuellen Funeral Doom.
Welche Band nun tatsächlich Funeral Doom spielt und welche vielleicht doch eher Death Doom, wird hier simpel nach ihrer Kategorisierung in der Encyclopaedia Metallum festgestellt. Welche Band „aktuell“ ist, wird beinahe willkürlich darauf festgelegt, dass sie aktuell als „nicht aufgelöst“ gelten und in den letzten fünf Jahren mindestens eine Studio-LP oder -EP veröffentlicht haben muss – Ausnahmen bestätigen auch diese Regeln. Wer eine Band vermisst, schreibe gern den Stormbringer an und beschwere sich freundlich – vielleicht gibt es dann Nachträge.

Russland

Das gigantisch große Russland werden wir vorerst nur bis zum Ural bereisen. Doch auch im europäischen Teil des Landes gibt es mehr Funeral-Doom-Bands als in eine Etappe unserer Reise passen würden. Also kümmern wir uns diesmal um die Bands mit den Anfangsbuchstaben von A bis K und nächstes Mal um die anderen.

ABYSSKVLT

Zuerst begeben wir uns an die Wolga nach Самара (Samara), wo sich ein Kult um den Abgrund gebildet hat. Wer ABYSSKVLT genau sind, ist unbekannt, aber das Bandfoto zeigt vier Kapuzenträger. Die haben 2018 ihre zweite Platte „Khaogenesis“ veröffentlicht, die uns Funeal Doom der dunkel-mystischen, horror-schweren Art bietet. Die hallende Kolossalität sowie die Kombination aus sich in die Musik fügendem Gutturalgrollgesang und creependen Black-Metal-Vocals erschaffen ein Höhlengefühl – eine finstere Grotte, in der im matten Fackelschein eine finstere Sekte ein dämonisches Ritual vollführt. Sehr rund, stimmig, stark!

ВНЕЗЕМИЕ

D bzw. Dmitry ist ВНЕЗЕМИЕ (in lateinischen Buchstaben etwa: Vnezemie, dt.: Extraktion), ein One-Man-Projekt aus Moskau, dessen einzige LP 2015 erschien und „Распад“ (Raspad, dt.: zerfallen) heißt. Es gehört zum unsaubereren Funeral Doom, der stark mit Ambient-Klängen vermengt ist. Meist spiegelt diese Mischung sehr treffend die große Leere des Alls wieder, benötigt aber zumindest eine recht große Akzeptanz für Noise-Misstöne und Störgeräusche, um durchweg Genuss zu bedeuten. Eine starke Atmosphäre wird in jedem Fall geschaffen.

COMATOSE VIGIL A.K.

Wir bleiben in Moskau, wo A.K. iEzor die Band COMATOSE VIGIL A.K. formte, nachdem COMATOSE VIGIL 2016 ein Ende fand. 2018 bekam diese Nachfolgeband ein Debütalbum mit dem Namen „Evangelium Nihil“. Also eine komatöse Nachtwache mit einem Nichts-Buch der/einer Bibel. So sakral wie der LP-Titel klingt auch die Musik, wird aber dominant überdröhnt von dämonisch-urgewaltigem Gutturalgrollen. Durch die Intensität und Brutalität des Klanges erhält dieser Funeral Doom eine gewisse Nähe zu Extreme-Metal-Genres wie Death und Black Metal. Definitiv ein Tipp für alle, die ihren Doom ultrafinster, satanisch und gewaltig mögen.

ДРЁМ

ДРЁМ könnte man in etwa so aussprechen: Dryom. Das ist belarussisch und bedeutet Schlaf. Der unbekannte Musiker hinter dieser Band hat drei Alben und zwei EPs veröffentlicht. Die neueste EP erschien 2020 und heißt „Прощай/Goodbye“ (in etwa: Proshchay, dt.: Auf Wiedersehen). Mit Klavier und einer deutlichen Prog-Tendenz und einer relativen spielerischen Leichtigkeit im krassen Kontrast zu den blackened Vocals. Auch Klargesang und das übliche langsame Deathgrollen sind Elemente des ungewöhnlichen Funeral-Doom-Sounds. Alles andere als langweilig, alles andere als Easy-Listening!

GOATPSALM

Horth, Sadist, Kim und Vaarwel bilden GOATPSALM. Als solche mischen sie Funeral Doom mit vielseitig-wirren, mitunter leicht paganige Ambient-Klangkollagen, finden aber auch Platz für (Post-) Black-Metal-Garstigkeit. „Downstream“ heißt das dritte Album, das 2016 erschien, und es fordert weit mehr heraus, als dass es zum berauschenden Hintergrund-Sound taugen könnte. Zu unliebsam, zu provokant, zu ungefällig kommen GOATPSALM daher, um eine leichte Hörerfahrung zu bieten. Darauf eingestellt, kann man in der Musik ein spannendes Werk finden.

KAGRENAK

KAGRENAK besteht nur aus dem Musiker SE, der 2013 mit drei Alben seine Output-Hochphase hatte. 2020 gab es allerdings eine recht kurze EP, die den Namen „Weeping and Gnashing of Teeth“ (dt.: Weinen und Zähneknirschen) erhalten hat. Dabei handelt es sich um ein Zitat, das mehrfach im Neuen Testament vorkommt. Aus Moskau hören wir einen rohen, fast sludgigen Sound, der eine anstrengende, gequälte Atmosphäre mit sich bringt und geradezu im Dröhnrauschen zu versinken droht. Auch ganz ohne Vocals klingt das sehr unglücklich, doch der kathartische Effekt will zumindest bei mir nicht eintreten – zu unangenehm!

MISANTHROFEEL

Wir verabschieden uns von dieser Etappe der Funeral-Doom-Reise in Moskau. Dmitry nennt sich selbst und auch sein Musikprojekt MISANTHROFEEL. Eigentlich endete es 2012 nach drei LPs und reichlich kleinerem Output. Allerdings meldete es sich 2020 zurück und nahm zugleich Abschied mit der EP „Goodbye, Habitual World“. Darauf bekommt die Trostlosigkeit einen weniger düsteren, schweren und gewaltigen Anstrich als man es sonst aus dem Genre kennt. Vielmehr bewegen wir uns in einem rockig-post-metallenen Bereich, der danach klingt, als hätte Misanthrofeel sich bereits mit dem Ende der Welt abgefunden. Tschüss, liebe Erde!

Russland – das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, von Bären angegriffen zu werden. Oder so. In jedem Fall aber ist Russland ein Land, das ziemlich viel Funeral Doom zu bieten hat. Deswegen gibt es nächste Woche eine weitere Etappe der Funeral-Doom-Reise aus Russland.

Alle Etappen unserer Funeral-Doom Reise gibt es hier.


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