SATYRICON: "Dark Medieval Times" + "The Shadowthrone"

Veröffentlicht am 21.05.2021

SATYRICON waren eigentlich nur in ihrer Anfangszeit zu 100% Black Metal. Kaum hatten sie sich inmitten der zweiten Welle [Anm. d. Verf: des Black Metal - ja, es gab auch schon Wellen ohne pandemischen Hintergrund!] einen Namen gemacht, strebten sie schon nach anderen Sphären und erhoben sich aus dem grantigen Sumpf, den sie selbst mitgeprägt hatten. Wenn man so will, waren sie schon immer vorgreifende Anachronisten, die ihrer Zeit vorauseilend Musik kreierten, für die die Welt noch nicht bereit war. Dies galt zu Zeiten ihrer Frühwerke, die heute als Paradebeispiele des norwegischen Black Metal glorifiziert werden, obschon sie damals vielleicht als rumpelnde Kakophonie belächelt wurden. Es galt wenige Jahre später für ihre wahrscheinlich kontroverseste Scheibe "Rebel Extravaganza", die von den Einen als Nestbeschmutzer verschmäht und von den Anderen als Kultalbum gefeiert wird. Und es gilt für ihr avantgardistisches Schaffen, das in den Alben "Satyricon" und "Deep Calleth Upon Deep" ihren bisherigen Höhepunkt fand. Wer weiß - vielleicht wird der künstlerische Wert der aktuellen Werke erst in zehn bis zwanzig Jahren hinreichend anerkannt. Womöglich werden sie aber auch in den Untiefen des extremen Musikkosmos versinken und das schwärmerische Geschwafel des Verfassers als ein eben solches entlarven - wer kann das heute schon so genau vorhersagen?

Fakt aber ist: SATYRICON sind Pioniere, Visionäre und Kult - darin dürften alle Kenner des Osloer Duos übereinstimmen...ganz gleich, ob die persönliche Plattensammlung bei dem übermenschlichen "Nemesis Divina" oder "Deep Calleth Upon Deep" endet. Und würde ich in einer BM-Version von "School Of Rock" den (vermeintlichen) Ned Schneebly mimen, stünden im ersten Semester neben MAYHEMs "De Mysteriis Dom Sathanas", DIMMU BORGIRs "Stormblast" sowie EMPERORs "In The Nightside Eclipse" und "Anthems To The Welkin At Dusk" natürlich die ersten drei Langläufer von SATYRICON mit auf dem Plan...und zur Abschlussprüfung könnte womöglich der Umgang mit dem Feuerzeug demonstriert werden - aber das ist eine andere Geschichte...

Während das legendäre, ja sprichwörtlich göttliche "Nemesis Divina" schon seit einigen Jahren wieder auf Vinyl erhältlich ist und sicherlich auf vielen Plattentellern rund um den Globus rotiert, mussten Hardware-Fans bisweilen geduldig auf eine Neuauflage seiner beiden Vorgänger warten. Denn wenn man nicht zu dem privilegierten Kreis derer gehört, die sich die damalige Limited Edition unter den Nagel reißen konnten, dann können die Plätze der beiden Dreher im heimischen Plattenregal allenfalls von Staubmilben bevölkert werden - denn bis heute gibt es neben besagter Limited Editions keine offiziellen Vinyl-Releases von "Dark Medieval Times" und "The Shadowthrone"...zumindest keine, die in der globalen Metal-Enzyklopädie gelistet werden. Insofern hat die aktuelle Neuauflage beider Alben in allererster Linie für Vinylsammler einen veritablen Mehrwert, doch auch im Remixing und Remastering sowie der neuen Aufmachung mit komplett neuen Coverartworks steckt ein gewisser Bonus - auch für Besitzer der CD-Version oder Fürsprecher immaterieller Plattenregale. Denn auch, wenn die Reissues (mehr oder weniger logischerweise) nah am Original rangieren, bemerkt man doch in den neuen Mixes ein dezentes Plus an Druck, ein Zügeln der rauschenden Gitarren und einen kleinen Push in der Schießbude. Und dass man aus den alten Aufnahmen doch noch so viel herauskitzeln kann, ist durchaus ein Wort des Lobes wert - zumal der Charakter des Originals in keinster Weise verfälscht wurde.

Eine Hartwaren-Neuauflage dieser alten Klassiker war schon lange überfällig und die sichtbaren wie hörbaren Addons runden die Sache ab. Insofern bieten die aufgefrischten Formate einfach eine schöne und lange verwehrte Gelegenheit, die Referenzwerke in adäquater Art und Weise bei Herrn Wongravens vorzüglichem Morgenstern-Riesling und Kerzenlicht zu zelebrieren. Einen erfrischenden Ausflug in den Wald, das Schloss oder das Schloss im Wald unternehmen...die Einflüsse norwegischer Volksmusik erlauschen und zu den Anfängen des Folk Metal zurückkehren...zu mittelalterlichen Melodien die Flötentöne beigebracht bekommen - für all das und mehr steht "Dark Medieval Times". Woraufhin "The Shadowthrone" einen behutsamen Schritt aus der Folk- und Mittelalter-Ecke hinaus wagt und im Gegenzug die symphonische Schlagseite erstarken lässt. Der Weg zu "Nemesis Divina", einem der für mich bedeutendsten Meilensteine seines Genres, war geebnet. Daneben bietet "The Shadowthrone" frühe Blaupausen für spätere Viking-Metal-Bands (vgl. "Vikingland") - auch wenn SATYRICON damit selbst auf den bereits erschlossenen Pfaden BATHORYs wandelten und ihre Landsmänner von ENSLAVED bereits eine Nasenspitze Vorsprung hatten.

Doch wie man es nun dreht und wendet...schlussendlich belegt sich die Behauptung, die eingangs in den Raum geworfen wurde: SATYRICON waren schon immer mehr als "nur" Black Metal. Black Metal, Symphonic Black Metal, Viking Metal, Mittelalter Metal, Folk Metal...auf "Dark Medieval Times" und "The Shadowthrone" laufen alle Fäden zusammen - wenn auch in einer rohen, teils rudimentären Art und Weise. Doch für genau diese Ungeschliffenheit und die fast schon kultige Schrottigkeit des Sounds feiert man die norwegischen Pioniere bis heute. Und so wahr noch immer unzählige Interpreten versuchen, dem Sound der Geschichte nachzueifern, darf ich an dieser Stelle abschließend den Archäologen geben und Indy Jones' Widersacher René Belloq zitieren:

"Indiana. Wir gehen einfach nur so durch die Geschichte. Aber das [zeigt ehrfürchtig auf zwei antike Schallplatten in einer Lade]...das ist Geschichte."

So und nicht anders ist es gewesen - wer will mir das Gegenteil beweisen?


SATYRICON - "Dark Medieval Times"
Ur-VÖ: Herbst 1993, Moonfog Productions
Neu-VÖ: 28. Mai 2021, 2 LP Gatefold, CD Digipak & Download, Napalm Records

Tracklist:
1. Walk The Path Of Sorrow
2. Dark Medieval Times
3. Skyggedans
4. Min Hyllest Til Vinterland
5. Into The Mighty Forest
6. The Dark Castle In The Deep Forest
7. Taakeslottet

Band:
Vocals, Guitars, Bass: Satyr
Drums: Frost

Guests:
Keyboards: Torden
Guitars: Lemarchand

Credits:
Producer: Satyr
Logo: Frost, J.M.S.
Cover Art: Jannicke Wiese-Hansen


SATYRICON - "The Shadowthrone"
Ur-VÖ: September 1994, Moonfog Productions
Neu-VÖ: 28. Mai 2021, 2 LP Gatefold, CD Digipak & Download, Napalm Records

Tracklist:
1. Hvite Krists Død
2. In The Mist By The Hills
3. Woods To Eternity
4. Vikingland
5. Dominions Of Satyricon
6. The King Of The Shadowthrone
7. I En Svart Kiste

Band:
Vocals, Guitars, Keyboards ("I En Svart Kiste"), Acoustics, Lyrics, Songwriting: Satyr
Guitars, Bass: Samoth
Drums: Frost

Guests:
Keyboards, Piano: S.S.

Credits:
Producer, Photography, Design, Logo: Satyr
Engineering: K. Moen
Design: Nofagem
Logo: Frost


WERBUNG: Hard
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