An Evening with Nightwish in a virtual world

Veröffentlicht am 11.06.2021

Sophia: Am 28. Mai fand das erste Online-Konzert von NIGHTWISH statt. Obwohl der Bandleader Tuomas Holopainen laut Interview kein großer Fan von Online-Auftritten ist, wollten sie ihre Fans mal wieder versammeln und das 2020 erschienene Album "Human:II:Nature" präsentieren. Aber nicht nur das - sie mussten auch ihren neuen Bassisten vorstellen, da Marco Hietala NIGHTWISH vor kurzem verlassen hat. VIP-Zuschauer durften vor dem Konzert ein Interview mit diesem Musiker sehen.

Die Antwort auf die Frage, wer der neue Bassist sein würde, lag zugegebenermaßen doch recht nah, da bereits der Drummer Kai Hahto, der 2019 Jukka Nevalainen ersetzte, aus eben derselben Band kommt. Richtig: Der Bassist von WINTERSUN Jukka Koskinen tritt in die Fußstapfen von Marco. Zumindest für die Tour zum Album. Was danach sein wird, sei bisher immer noch ungewiss, da WINTERSUN selbst hoffentlich auch nach ihrer Pause wieder ins Studio und auf die Bühne wollen. Er hat WINTERSUN also nicht verlassen. Er habe momentan einfach Zeit und wollte gerne wieder Musik machen. Trotzdem habe er viel Respekt vor dem, was Marco hinterlassen hat und seiner getroffenen Entscheidung, die Band für seine Gesundheit zu verlassen. "His boots are enourmous. Nobody can replace Marco", sagt Jukka und meint, dass er nur da sei, damit die Tour stattfinden kann. "He is a legend."

Lisi: Nachdem nun auch enthüllt war, wer die doch ziemlich markanten Fußstapfen des kürzlich zurück getretenen Marco Hietala füllen würde – und nachdem unweigerlich die Frage aufkam, ob denn bei diesem engmaschingen Band-Karussel-Gedrehe nicht am Ende NIGHTSUN oder WINTERWISH als logische Bandnamen-Änderungs-Schlussfolgerung paasend sein könnte - warteten Kollegin Sophia Brandt und meine Wenigkeit in verwirrender Stille auf den Start des Streams, visuell von kosmischen Nebeln, vorbeiziehenden Planeten oder kraterüberzogenen Oberflächen begleitet, wurde der erste Teil unseres Abends vor dem VIP-Interview noch mit instrumentalem Sound des neuen Human:II:Nature Albums untermalt. Nun: Stille. Entweder ein kleiner Fehler, oder die ungeliebte Ankündigung auf das fehlende Publikum, das nach einem dargebotenen Song eben nicht jubeln und klatschen würde – nein, an die Stille nach einem Song möchte ich mich nie, niemals, gar niemals nie gewöhnen. 

Willkommen im "Islanders Arms"

Ziemlich pünktlich, nach erledigtem Countdown, wurden wir dann mit auf die virtuelle Reise ins „Islanders Arms“ genommen, ein animierter Zeppelin brachte die Zuhörerschaft zu in einer Niagara Falls-ähnlichen Szenerie gelegenen Taverne, die ohnehin nur auf dem Luftweg (oder vielleicht gerade noch auf dem Seeweg, sollte man es schaffen, dem Wasserfallschen Sog zu entgehen und vor dem ersten Bier nicht in die Tiefen gerissen zu werden) erreicht werden konnte. Der ruhige, spiegelglatt daliegende See hinter dem tosenden Wasserfall konnte sich von einem Song zum nächsten auch in eine brodelnde Lavaquelle verwandeln, von Schnee und Eis bedeckt sein oder Tages- und Nachtzeiten ändern. So spannend die voll animierte Außenwelt wirkte, so statisch mutete anfangs auch das Innenleben an – gut, natürlich hatte man Tische und Bänke zugunsten der Band beiseite geräumt. Ein in die Kuppel ragender Baumstamm war für Lichter- und Glanzanimationen bereit, durch die vielscheibigen hohen Fenster erkannte man zum Teil Musikvideos der Songs, zum Zeil aber auch "nur" das draußen tobende Wetter oder stimmungsvolle Lichteffekte. Hin und wieder leuchteten auch auf dem Boden mystische Symbole und Zeichnungen in hellen Farben auf. Insgesamt wirkten die generell in eher gedeckten Farben, meist in Brauntönen gehaltene visuelle Ausstattung eher ruhig, dezent und unspektakulär. Doch spätestens, wenn das auf Green Screen produzierte Tavernen-Innenleben mit Musik gefüllt werden würde, würde sich das Unspektakuläre höchstwahrscheinlich in Wohlgefallen auflösen. 

Sophia: Während draußen die Jahreszeiten in herausragender, filmischer Qualität vorbei rasten, war die Darstellung des Innenraums doch recht unprofessionell. Die harten Kanten zwischen Person und Greenscreen haben mich am Anfang doch etwas an Auftritte von Bands in Computerspielen im Gothic-Stil erinnert. Nach kurzer Zeit hat sich das Auge aber dran gewöhnt. Was ich sehr schade fand, war, dass es die vorher angekündigten Avatare für die Zuschauer nicht gab. Warum genau das dann nicht so war, wurde leider nicht mitgeteilt. Auch der Chat, der am Rand des Bildschirms zum Austausch der Zuschauer dienen sollte, war größtenteils nicht erreichbar. Für Leute, die sich auf den digitalen Austausch mit anderen Fans gefreut haben, war das sicher ein Rückschlag und mich würde immer noch interessieren, warum es die Avatare dann nicht gab.

Erst mal eingrooven, oder - die Performance

Lisi: Jetzt liegt der Band ein Album vor, das sie zwar ausführlich durch den Äther geschickt haben, sich bisher aber nicht wirklich die Möglichkeit ergeben hat, diese Perlchen live vor Publikum, oder überhaupt, zu performen. Vielleicht ist es diesem Umstand - oder des neuen Formates - oder der neuen Bandzusammensetzung - oder einfach alles zusammen - geschuldet, dass der Anfang der Show zwar sehr professionell, aber doch ein wenig steril und steif wirkte. Gefühlt bewegten sich erst auch nur Neu-Bassist Jukka und Floor Jansen, vielleicht wirkte auch durch das bräunliche Ton in Ton der Taverne alles ein wenig statisch. Dennoch wirkte die Stimmung gut, mit jedem Song gelöster, und der Punkt, schon von Beginn an auch Altbekanntes in die Setlist einzubauen, ging definitiv an die Band. Spätestens aber, nachdem Tastenvirtuosen Tuomas der Hut wegflog, waren dann auch alle Dämme in diese Richtung gebrochen. Fast schon auffallend lockerte alles auf, war der Spaß an der Freude offensichtlich, interagierten und kommunizierten die Musiker untereinander, wie man es von NIGHTWISH gewöhnt ist. War es denn möglich, dass selbst diese Profis nach so langer Zeit den kleinsten Hint von Nervösität - oder vielleicht Flugrost - zeigten? 

Musik, Musiker, Künstler

Musikalisch hatte man zudem auch auf große chorale Additiven verzichtet, was der Darbietung einerseits einen guten Live-Charakter gab, gleichzeitig dem Sound und den Vocals auch ein wenig direkteren, „roheren“ Charakter ohne oder nur mit den nötigsten Untermalungen und Unterlegungen verliehen. Großer Pluspunkt meinerseits, auch wenn am Anfang der ein oder andere hochlagige Ton -  in Sophias treffenden Worten – eher challenging daher kam (Stichwort: Flugrost?). Wer aber Floor Jansen als Vocalistin kennt – und meine Verehrung ihr gegenüber – weiß, dass diese „Kritik“ auf so hohem Niveau passiert – da kommt ein Normal Sterblicher schon mal gar nicht hin. 

Wo wir gerade dabei sind – also bei Floor Jansen und ihrer Stimme. Schon beim ersten Durchlauf der Human:II:Nature – Scheibe kam der Gedanke auf, dass es wohl kaum eine Vocalistin gibt, die derartige Leistungen auch live wiedergeben würde können und hatte dahingehend tatsächlich auch meine Zweifel. Nun ist ja auch der stimmliche Gegenpart Marco Hietala weg und auch wenn Troy Donockley sein bestes gibt, hat er eine viel zu sanfte, viel zu folkige Stimme, als dass er den Dreck in Marcos Röhre auch nur ansatzweise ersetzen könnte. Also übernimmt diesen Part mal eben ebenfalls Floor. Innerhalb von Augenblicken von Oper auf Power auf Beast Mode – in meiner persönlichen Sänger-Hierarchie erhebt sie sich so langsam ins Göttliche. Ganz egal, ob es das epische Finale von „Shoemaker“ die gutturalen Parts in „Tribal“ oder die schön-dramatischen Vocals von "Nemo" oder „Bless The Child“ war – alles mit Bravour und grandios durchgearbeitet – und noch Spaß dabei. 

Sophia: So auf der Häfte des Konzerts war die Band auf jeden Fall warm. Während am Anfang die Anspannung aufgrund der unbekannten Situation förmlich greifbar war, haben die Bandmitglieder sich dann eingespielt und spielten gemeinsam, wie bei einer Jam-Session. Es wurden natürlich die üblichen verdächtigen Hits gespielt, die ja auch nun länger nicht performt werden konnten. Ich fand den Gegensatz zwischen den älteren und neueren Songs gut umgesetzt. Die neueren Songs wirken progressiver und bringen die Stärken von Floors Gesang immer weiter hervor.

In den Klassikern hat es sich der neue Bassist natürlich auch nicht nehmen lassen mal ein paar Akzente mit dem Bass zu setzen. Wahrscheinlich ist Jukka durch WINTERSUN einfach mehr Spielereien gewohnt und wirkte auf mich teilweise auch etwas unterfordert. Dafür hat er aber auch nicht mitgesungen, sondern diese Rolle komplett an Troy abgegeben. Der einzige Song, der mir im "Islanders Arms" natürlich gefehlt hat, war "The Islander", aber wahrscheinlich war das ohne Marco einfach nicht so leicht umzusetzen. Im Video von "The Islander" sieht man übrigens auch den Zeppelin, den die Band nun wohl wieder ausgepackt hat. 

Altbekannt und neu arrangiert

Lisi: Generell bietet die Songauswahl neben einigen großartig inszenierten und absolvierten Tracks der aktuellen Scheibe einen kompletten Querschnitt der anderen Alben zurück bis zu „Century Child“. Dass man sich an das glorreiche „Shoemaker“ herangewagt hat, ließ mich ob des epischen Endes doch staunend zurück – und ja, Floor hat quasi im Abgang das Dach in einer funkelnden Glühwürmchen-Explosion gesprengt. Und auch Songs wie „Seven Days To The Wolf“ hatte ich in derartigem Arrangement nicht auf dem Schirm. Die Folk-Lastigkeit eines Herrn Donockley wurde vollständig und komplett ausgeschöpft, sodass natürlich auch „The Harvest“ nicht fehlen durfte. Lediglich bei der Akustik-Version von „How´s The Heart“ konnte man meine Wenigkeit nicht ganz packen und mitnehmen. (Aber derart hübsche Songs sind nur wenig bis gar nicht auf meinem Radar). Nachdem auch Aushängeschilder wie „Nemo“ oder „Elan“ abgebrannt wurden (Blitzgewitter/Aurora Borealis außerhalb der Taverne und weihnachtliche Glitzerstimmung innerhalb inklusive), versuchte sich Floor in einem kleinen Intermezzo noch direkt als Bardame und versorgte die Jungs mit Ale und Bier. Sehr hübsch auch die Ansage: „Ach Floor, wenn du schon da drüben bist, nimm noch ein paar Nüsse mit.“ 
Als dann am Schluss noch die großen, quasi abendfüllenden und teils episch-großen Songs wie „Ghost Love Score“ oder „Thre Greatest Show On Earth“ auf höchstem Niveau (ja, jetzt waren sie warm gespielt!) durchgepowert haben, war klar, da würden die 90 Minuten Spielzeit in einem "Wetten, dass... - Effekt definitiv überzogen werden.  Am Ende wurde dann noch „Ad Astra“ (die Version von der zweiten Scheibe) angestimmt – wobei sich die Bandmitglieder erst beglückwünschten und sich dann sitzenderweise um Floor scharten, die dann stimmlich in ein großartig getragenes Finish ging. Hach, wie schön! 

Fazit Lisi: Neu-Bassist Jukka hat seine Feuertaufe mit Bravour gemeistert, er passt definitiv gut ins Bild und in den Ton der Band (für die Damenwelt wollen wir an der Stelle nicht unerwähnt lassen, dass es durchaus auch schlechter aussehende Bassisten gibt.) Der Taverne würde ich auch gern einen Besuch abstatten wollen, auch wenn mir dieses Flugschiff ein wenig suspekt anmutet. Und selbst die anfangs etwas karg wirkende Aufmachung bringt durch diverse Einspielungen, Lichteffekte und Hintergrundwechsel schöne, spannende oder melancholische Stimmungen mit sich, die sich gut in die ganze Show einfinden. 
Der feine Abend mit NIGHTWISH war voller nostalgischer, wunderschöner Momente, voller Erinnerungen an vergangene Konzerte und Festivals oder schöner Stunden, in denen man sich an die Musik der Band erinnert hat, aber gleichzeitig auch voller Sehnsucht, bald wieder auf Live-Konzerte zu gehen. Denn auch wenn Aufmachung, Musik, einfach alles mit Herzblut und vielen Gedanken gemacht wurden – ein Live-Event von und mit NIGHTWISH wird auch das gar niemals nie nicht ersetzen. Die imaginäre Welt war ein cooler Einblick in Hintergründe und Songwelt mal anders, aber auf Live, Laut und in Farbe wird man nicht verzichten können. 

Fazit Sophia: Alles in allem war es eher ein Film als ein Konzert und der Zuschauer hätte es wohl auch kaum bemerkt, wenn NIGHTWISH die Show vorher aufgenommen und dann abgespielt hätten. Das fand ich sehr schade. Irgendeine Interaktion wie ein "wie geht es euch" und dann mal mit dem Chat interagieren oder so wäre cool gewesen. Einfach, um dieses live Gefühl besser rüberzubringen. An sich ersetzt der Abend natürlich kein Live-Konzert und der fehlende Beifall und die Schreie, die mich sonst bei Live-Aufnahmen oft nerven, haben mir diesmal gefehlt. Aber so ist das im Netz, außer man hat Knöpfe wie bei einer Sitcom. Die Set-List hat mir sehr zugesagt und ich fand die Mischung und vor allem den Abschluss musikalisch sehr gut.

Insgesamt war das Feedback der Fans auf Social Media auch sehr gut. Es war möglich, für einen Abend mal in einer anderen Welt zu versinken und diese Zeit mit NIGHTWISH zu verbringen. Als hätte man der Band im Proberaum einen Besuch abgestattet. Definitiv war es mal etwas anderes. Preistechnisch fand ich es mit 35 Euro für den Abend ok, allerdings war das VIP Programm etwas mager. Also das Interview am Anfang war vorher aufgenommen und es war nicht möglich, selbst Fragen zu stellen. Das fände ich für die über 100 Euro dann doch etwas wenig. Da könnte die Band sich für die zukünftigen digitalen Auftritte noch was überlegen.

 


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