Funeral-Doom-Reise: Etappe 19: Russland III

Text: Jazz Styx
Veröffentlicht am 16.09.2021

Intro

Lebensfreude und Vergnügen – Funeral Doom ist nichts davon. Vielmehr fokussiert das traurige, depressive oder auch nihilistische Genre das genaue Gegenteil der Glückseligkeit. Die Langsamkeit des Doom und die Gewalt des Death Metal vermischen sich und werden beispielsweise mit Noten von Monotonie, Orchestralem oder auch Sakralem verfeinert.
Diesem wunderbaren Genre soll hiermit ein schriftliches Denkmal gesetzt werden: eine fortgesetzte Reise durch den aktuellen Funeral Doom – nun auch über die Grenzen Europas hinaus.
Die Grenzziehung zu anderen Genres, insbesondere dem Death Doom wurde hierbei der Encyclopaedia Metallum überlassen, die als hauptsächliche Quelle für diesen Überblick herangezogen wurde. Die Aktualität wurde grob auf die vergangenen fünf Jahre festgelegt.
Sollten Bands oder Projekte übersehen worden sein, nehme ich sehr gerne entsprechende Hinweise entgegen. Allerdings kann das mitunter auch darin begründet liegen, dass manch Künstler in seiner Trveness gar nicht so gerne gefunden werden möchte.

 

Russland

Bereits auf den Etappen Nummer 14 und 15 haben wir uns durch den russischen Funeral Doom geschlagen. Nun aber geht es über den Ural. Nach längerer Pause lassen wir Europa hinter uns und stürzen uns tief ins gigantische Sibirien, wo einige finster-tragische Beerdigungs-Projekte auf uns warten.

CHRISTMASS

Ein Mann, eine Band, ein Album. Im russischen Norden, der kalten Stadt Norilsk, tischt uns 2019 ein Mensch, der sich selbst und sein Projekt CHRISTMASS nennt, seine erste und einzige LP auf. „Vigil“ heißt das nur knapp halbstündige Werk – nach Funeral-Doom-Maßstäben fast eher eine EP – und klingt nicht besonders weihnachtlich. Zumindest nicht nach Lametta und Weihnachsbäckerei, wohl aber zutiefst sakral. Eine Vigil ist die religiöse Nachtwache vor großen Festen, kann darüber hinaus aber auch Mahnwache bedeuten. Mahnend, gewaltig und schwer ist das ruhige und doch lärmende Album, des passend mit dem Track „Stille Nacht“ beginnt. Beißende Schärfe und chorale Klarheit wird ganz bewusst mit Störgeräuschen versetzt und ergibt ein sehr rundes Funeral-Doom-Idealbild. Ein sehr gelungener Start für unsere Weiterreise!

FUNERAL TEARS

Sehr viel südlicher treffen wir auf Nikolay Seredov, der seit 2007 sein Funeral-Doom-Projekt FUNERAL TEARS vertont. Anfang 2021 erschien das fünfte Album „The Last God On The Earth“, das sehr death-metallisch klingt. Der letzte Gott auf der Erde tauscht ruhige Verzweiflung nicht selten gegen wütende Verachtung ein. Garniert werden das wuchtige Schlagzeugspiel und die klagenden Gitarren mit gekonnten Deathgrowls und bitterem Flüstern. Bei letzterem kann man den starken russischen Akzent in den englischen Vocals kritisieren – oder ihn aber als alleinstellendes Stilmittel loben. Wer das deathigere Ende des Funeral Doom bevorzugt, sollte Nikolay definitiv für eine Weile lauschen!

INTAGLIO (ИНТАЛИЯ)

Eigentlich fallen INTAGLIO (spezielle Art des künstlerisch gestalteten Grabhügels) hier aus dem Raster, denn sie leben gar nicht östlich des Urals. Außerdem haben sie sich 2005 nach nur einem Album aufgelöst. Da 2019 und 2021 aber je eine Single veröffentlicht wurde, an einem Album gearbeitet wird und die Musik irgendwo – also nun hier – Erwähnung verdient, beschäftigen wir uns mit der neuesten Single. „Subject To Time“ klingt in der Single-Version noch etwas roh, bringt aber mehrere Sänger und Gesangsstile – darunter dominante, sehr trockene Growls – und Instrumente wie auch Flöte und Cello zusammen. Was die Single darüber hinaus herausstellt ist die Unaufgeregtheit, mit der sie scheinbar ohne Mühe sanft-schwere Emotionen erzeugt. Ob das Album, das auch schon mal für 2020 angekündigt wurde, dann genauso bunt wird, bleibt abzuwarten.

LOCUS REQUIESCAT

Locus, Latein, der Ort, requiescat, auch Latein, der Imperativ von ruhen, also ruhe! Ob die Wortkombination LOCUS REQUIESCAT Sinn ergibt? Da bin ich mit meinem Latein am Ende. Am Ende ist auch das 2010 gegründete Projekt von Ilya Tutarov alias Hereticus. Es ist nicht aufgelöst, aber der Mann lebt in Wladiwostok, also quasi am Ende von Russland. Das zweite Album mit dem sehr doomigen Namen „Into Dimensions Beyond The Utter Void“ erschien 2019 und webt einen anstrengenden Krachteppich, der schwerfällig vor sich hingrummelt und wabert. Das tut er zwar einlullend monoton, weckt aber immer mal wieder durch neue, noch anstrengendere Elemente. Lockerflockig ist hier gar nichts. Und das ist auch gut so! Also jedenfalls ziemlich gut – glaub ich. Und ziemliche Folter, wenn man nicht genau dieses Anstrengende mag.

SORROW OF RAIN

Wie die Trauer des Regens Klingt erfahren wir in Nizhny Tagil bei Anatoly und Michael, die in den Jahren 2012 bis 2014 sehr fleißig waren, bevor sie dann 2016 ein Album nachschoben, das es gerade eben noch in unsere für diese Reise relevante Kategorie „aktuell“ geschafft hat. „Four Shapes Of Grief“ gehört nicht zu den gemütlicheren Alben des Funeral Doom. Es präsentiert eine Form der Natur-Unromantik voller Ödnis und dennoch umgibt es einen nicht wie ein sanfter Nebel, sondern eher wie der brennende Gestank eines fauligen Sumpfes. Kein Gleiten durch natürliche Unberührtheit, sondern ein Stolpern durch einen garstigen Wald. Von den Growls wird man geradezu angebellt, von den Instrumenten durchgängig provoziert. SORROW OF RAIN sind nicht angenehm, können aber beeindrucken. Warum seid ihr seit 2016 so leise?

WITHOUT DREAMS

Weniger als 150 km weiter – nach russischen Maßstäben also direkt um die Ecke – treffen wir auf Thanataur, der eine gigantische Ladung an aktiven Solo-Projekten besitzt. Eines davon ist WITHOUT DREAMS. Traumlos vereint er dabei Atmospheric Black Metal mit Funeral Doom zu einer schwermütigen Lethargie – einer Art Lustlosigkeit auf den Kampf mit der Welt. Auf dem neuesten Album „Withering“ (2019) ist es vor allem das beinahe allgegenwärtige Piano, das eben doch in Traumwelten entführt – Traumwelten voller Leere, machtvolle, wunderschöne Leere. Besonders beeindrucken die stilleren, unmetallischen Parts, in denen ein schmerzerfüllter, aber nicht wehleidiger Klargesang zu hören ist. So endet diese erste Etappe der Funeral-Doom-Reise auf asiatischem Boden mit Schlafliedern von Austrocknung, aber ohne Träume.

Sechs mal Kälte, Ödnis, Monotonie – das war der aktuelle Funeral Doom aus dem transuralischen Russland. Das war auch die erste Etappe nach der Pause, der Beginn eines außereuropäischen Abschnitts unserer Reise auf der Suche nach der Beerdigungsmusik des Ostens. Weiter geht es nächste Woche in Japan, wo wir hoffentlich Außergewöhnliches entdecken werden.

Alle Etappen unserer Funeral-Doom-Reise gibt es hier.


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