Funeral-Doom-Reise: Etappe 20: Japan

Text: Jazz Styx
Veröffentlicht am 23.09.2021

Intro

Lebensfreude und Vergnügen – Funeral Doom ist nichts davon. Vielmehr fokussiert das traurige, depressive oder auch nihilistische Genre das genaue Gegenteil der Glückseligkeit. Die Langsamkeit des Dooms und die Gewalt des Death Metal vermischen sich und werden beispielsweise mit Noten von Monotonie, Orchestralem oder auch Sakralem verfeinert.
Diesem wunderbaren Genre soll hiermit ein schriftliches Denkmal gesetzt werden: eine fortgesetzte Reise durch den aktuellen Funeral Doom – nun auch über die Grenzen Europas hinaus.
Die Grenzziehung zu anderen Genres, insbesondere dem Death Doom wurde hierbei der Encyclopaedia Metallum überlassen, die als hauptsächliche Quelle für diesen Überblick herangezogen wurde. Die Aktualität wurde grob auf die vergangenen fünf Jahre festgelegt.
Sollten Bands oder Projekte übersehen worden sein, nehme ich sehr gerne entsprechende Hinweise entgegen. Allerdings kann das mitunter auch darin begründet liegen, dass manch Künstler in seiner Trveness gar nicht so gerne gefunden werden möchte.

Japan

Wenn es um ungewöhnliche Kulturen geht, fällt vielen von uns recht Bald Japan ein. Ob die sechs Funeral-Doom-Bands aus dem Pazifikstaat eher Ungewöhnlichkeit oder Vertrautheit mitbringen, werden wir jetzt, auf unserem 20. Reiseabschnitt, erfahren. 

AETERNUM SACRIS

Den Auftakt macht Sacris (lat. „heilig“), der sein seit 2009 existierendes Solo-Projekt AETERNUM SACRIS genannt hat, womit er seiner Heiligkeit auch noch die Ewigkeit hinzufügt. Die neuere seiner zwei LPs trägt den Titel „2011.03.11“ (2019). Das ist der Tag der Nuklearkatastrophe von Fukushima. Ähnlich wie die vernichtende atomare Strahlung, die bei diesem Unglück ausgetreten ist, schleicht sich der ambientige Funeral Doom ruhig und ohne Aufsehen zu erregen heran und hinein. Keine Wucht und doch Gewalt, keine Explosion, kein Krach, aber ein perfides Grollen und ein eindringliches Leiern. Der Tod verpackt in Alltäglichkeit. Ein vermeintlich harmloses Album, das schwer schlucken lässt.

AVERAGE MISANTHROPY

Sein Menschenhass sei durchschnittlich, behauptet Kyohei, aber was es von seiner Ein-Mann-Band AVERAGE MISANTHROPY seit 2019 zu hören gibt, ist alles andere als durchschnittlich. Das dritte und aktuelle Album „Interminable Rumination“ – übersetzt: „endloses Nachsinnen“ – breitet zwar einen genretypischen Klangteppich aus, der an Monotonie, Ereignisarmut und Aufwandsminimierung geradezu unschlagbar scheint, aber die Vocals sprechen von eben jenem musikalischen Mut, den ich von Japan erhofft habe. Selbst Extrem-Metal-Fans dürften sich hier schwertun, noch von „Gesang“ zu sprechen, wenn das entsetzlich weinerlich-nervtötende Heulgeschrei oder die grausamen Laute hervorquillenden Wahnsinns ihr Ohr erreichen. Mehr als nur durchschnittliche Misanthropie!

BEGRÄBNIS

Die dreiköpfige Band BEGRÄBNIS hat 2020 ihr erstes Album veröffentlicht. Besprochen habe ich es bereits im Flusiensieb #41, weshalb hier nun nur eine knappe Erwähnung des ultra-langsamen Funeral Doom mit der zersetzenden Zombiestimme vor Kriegs-Hintergrund stattfinden soll. Wem Zeitlupe noch zu hektisch ist und Verwesung noch zu lebensfroh, schenke sein Ohr Kyosuke, Takashi und Fumika!

FRAGMENTS OF LOST MEMORIES

2021 ist ein gutes Jahr, um ein Funeral-Doom-Projekt zu beginnen. Das dachten sich auch FRAGMENTS OF LOST MEMORIES und schickten schon im ersten Halbjahr zwei – ihre ersten zwei – Alben in die Welt. Das letztere trägt den Titel „Where The Soul Goes“ und erfreut mit sehr schlichtem Funeral Doom, der vorwiegend von traurigen Gitarrenmelodien beherrscht wird. Das Schlagzeug hat oft kaum mehr Funktion als ein Metronom und das monotone Growling schleift wie der unendliche sterbende Atem der Welt die Gehörgänge. FRAGMENTS OF LOST MEMORIES sind ein pointierter Beweis für die Weniger-ist-mehr-Formel.

FUNERAL MOTH

In Japan wird die Motte als freundliches Lebewesen gewertet – oder zumindest Mothra, die gigantische Monster-Motte. FUNERAL MOTH klingen nicht so freundlich. Allerdings klingen sie auch nicht unfreundlich. Vielmehr scheinen sie eine Naturgewalt zu sein. Der Wind. Nicht das laue Lüftchen, nicht der große Sturm, sondern der zeitlos über alles hinwegziehende Wind. Die Kombination aus ewig gedehnter Gitarren-Langsamkeit, punktuellem Drum-Donnern und seltenem gutturalen Death-Hauchen verschafft dem zweiten Album „Transience“ (2016) die sanfte Macht, bis in den letzten Winkel der Hörer-Psyche zu wehen. So friedvoll kann es sein, im Wind der vierköpfigen Begräbnismotte zu stehen!

KANASHIMI

Unseren letzter Halt in Japan machen wir bei O. Misanthropy und seinem Solo-Projekt KANASHIMI. Zehn Jahre nach dessen Gründung erschien das zweite Album „Inori“, das Gebet. Da hier Funeral Doom mit Depressive Black Metal vermengt wird, klingt das musikalisch zwar durchaus nicht unstimmige, stimmlich aber schrecklich brennende Werk weniger wie ein Gebet als wie die Schreie, die von beißenden Böen aus einem moderigen Folterkeller herausgedrückt werden. Wie Schleifpapier auf Trommelfell. Einerseits ist das durchaus faszinierend gemacht, andererseits so unangenehm, dass ich mich frage, ob man es hier nicht doch übertrieben hat. Hier wird von ganzem Herzen kein Vergnügen gewünscht!

Kanashimi ist das japanische Wort für Trauer bzw. Traurigkeit. Diese überkommt uns nun, da wieder eine Etappe der Funeral-Doom-Reise ihr Ende findet. Doch nächste Woche besuchen wir ein weiteres Funeral-Doom-Land, das vielleicht ein wenig erstaunen dürfte: den Iran.

Alle Etappen unserer Funeral-Doom-Reise gibt es hier.


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