Funeral-Doom-Reise: Etappe 25: Neuseeland

Text: Jazz Styx
Veröffentlicht am 28.10.2021

Intro

Lebensfreude und Vergnügen – Funeral Doom ist nichts davon. Vielmehr fokussiert das traurige, depressive oder auch nihilistische Genre das genaue Gegenteil der Glückseligkeit. Die Langsamkeit des Dooms und die Gewalt des Death Metal vermischen sich und werden beispielsweise mit Noten von Monotonie, Orchestralem oder auch Sakralem verfeinert.
Diesem wunderbaren Genre soll hiermit ein schriftliches Denkmal gesetzt werden: eine fortgesetzte Reise durch den aktuellen Funeral Doom – nun auch über die Grenzen Europas hinaus.
Die Grenzziehung zu anderen Genres, insbesondere dem Death Doom wurde hierbei der Encyclopaedia Metallum überlassen, die als hauptsächliche Quelle für diesen Überblick herangezogen wurde. Die Aktualität wurde grob auf die vergangenen fünf Jahre festgelegt.
Sollten Bands oder Projekte übersehen worden sein, nehme ich sehr gerne entsprechende Hinweise entgegen. Allerdings kann das mitunter auch darin begründet liegen, dass manch Künstler in seiner Trveness gar nicht so gerne gefunden werden möchte.

Neuseeland

Unter den knapp 500 Metalbands, die Neuseeland laut den Metal Archives besitzt, spielen mehr als 1% Funeral Doom – und alle sieben Projekte sind in den letzten fünf Jahren aktiv gewesen, gelten für uns also als aktuell. Jetzt besuchen wir sie! Das wird ein trauriger Spaß!

ABHOR

Beginnen wir in Christchurch, das nun wahrlich nicht für freudige Schlagzeilen internationale Bekanntheit erlangte und so etwas wie Neuseelands Funeral-Doom-hauptstadt ist. ABHOR (dt.: verabscheuen) besteht aus sechs Musikerinnen und Musikern, was für die Verhältnisse im genre quasi eine unvorstellbare Menschenmasse ist. 2020 erschien ihr Debütalbum „Pain Irreverence“ (dt.: Schmerz Missachtung), das mit nur etwa einer halben Stunde Kürze die zweite Ungewöhnlichkeit für das Genre bereithält. Doch die Außergewöhnlichkeiten reißen nicht ab, denn musikalisch gibt es zwar deutliche Annäherungen an Funeral Doom durch langsame Passagen, schleppendes Spiel und auf die Spitze getriebene Wind-in-Felsenhöhle-Vocals, aber auch ein äußerst roher Death Metal und wiederkehrende Noise-Provokation sind herauszuhören. Definitiv kein Easy Listening – nicht einmal für Funeral-Doom-Verhältnisse!

BLACK TEMPLE

Wieder Christchurch, wieder eine Band mit mehreren Musiker, wieder ein sehr rohes Spiel, wieder das Neben-Genre Death Metal. Deutlicher sind jedoch die Stoner-Anleihen und die des klassischen Dooms. Thematisch geht es bei BLACK TEMPLE in die Lovecraft'sche Welt der Großen Alten. Nicht zuletzt auch der Titel des bisher einzigen Demos „Ritual – Invocation“ (dt.: Ritual – Anrufung) von 2017 und die gelungene Umsetzung seiner Bedeutung rücken die Musik auch in Black-Metal-Sphären. Es liegt also ein schleppendes, benebelndes, ungehobeltes, ritualhaftes, schweres Stück freudloser Musik vor. Insbesondere für Trveness-Fans sei hier eine Hörempfehlung ausgesprochen!

ENTER THE SOIL

Betritt den Boden! Den Boden von Wellington, wo ENTER THE SOIL uns in einen ruhigen und in Nebel gebadeten Wald einlädt. „The Still Forest, Bathed In Mist“ (2020) heißt die zweite Platte, die Justin Chorley unter diesem Namen herausbrachte. Erneut spielen repetitive, rauschhafte Elemente eine große Rolle und erneut ist eine Nähe zu klassischem Doom spürbar – insbesondere durch das dominante Gitarrenspiel. Die sehr präsenten Vocals machen Death Doom daraus. Die Traurigkeit der Melodien reichen in den Funeral Doom, der aber weder in hoffnungsloser Verzweiflung zergeht noch gewaltige Naturzustände abbildet. Vielmehr ist die Musik des Neuseeländers stampfende, walzende, gegrunzte Klarheit.

GRAVEWARDS

Auch GRAVEWARDS belegen, dass Neuseeland das Genre Funeral Doom meist auf eine sehr präsente, kraftvolle Weise angeht. „Demo MMXVIII“ (2018) ist der einzige Output. Darauf werden die gutturalen Vocals von zersetzender Verletzlichkeit durch sägende Gitarren und einschlagendes Schlagzeug übertönt. Dennoch sind die entsetzlichen Schreie das größte Qualitäts- und Alleinstellungsmerkmal des Projekts, während die Drums langfristig eher enervieren – zu viel Beckengeschepper, zu wenig Tiefe. Aber einen zweiten Versuch mit anderer Spurabstimmung würde ich wirklich gerne hören!

KNOWHERE

Wir sind zurück in Christchurch und besuchen hier ein weiteres Projekt, das bisher nur ein Demo-Tape veröffentlicht hat – beide gleichermaßen wortspielhaft. „Knowhere“ von KNOWHERE fällt gleich durch hallenden Klargesang auf, durch sanfte Gitarrenmelodien und eine nagende Knappdanebenheit. Es könnte so schön sein, will aber halt einfach nicht! So entsteht ein Monument des Schmerzes, das meist nicht weit davon entfernt wäre, entspannend zu sein, und gerade dadurch eine künstlerisch beeindruckende Irritation hervorruft. Unangenehm, aber gut!

NAMELESS GRAVE

Wieder in Wellington begegnen wir Winter Kneale alias NAMELESS GRAVE und einer EP mit angemessenen Titellänge für das Genre: „The Warmth Of The Sun Can No Longer Thaw The Ice from My Bones“ (2021). Die Platte mag vielleicht kein epochaler Beitrag zum Genre sein, aber sie ist ehrlicher Funeral Doom, wirklicher Schmerz, ein reales Zeugnis tiefen Zerwürfnisses mit einer kalten Welt. Keine Aufregung, kein Bedürfnis, den Zuhörer besser oder anders zu unterhalten, als es das Genre bisher getan hat, dafür leere, depressive Traurigkeit auf den Punkt. Wer das zerreißen mag, ist Mitschuld an der Notwendigkeit dieser Musik. Winter, I feel you – deeply!

THOUSAND KNIVES

Ein letztes Projekt, das wir in Neuseeland besuchen, ist O. Lapins THOUSAND KNIVES. Erst im Mai 2021 erschien dessen Debüt-EP „Thy Whole Body Shall Be Full Of Light“ – ein Satz aus dem Neuen Testament, der im Deutschen folgendermaßen lautet „so wird dein ganzer Leib licht sein“ (Matthäus 6:22). Die Musik ist scheppernder, rauschender Roh-Funeral-Doom, der meist ohne Vocals auskommt, manchmal gesprochenes Wort nutzt, mal ins Atmosphärische oder auch Ambientige gleitet. Diese musikalische Selbsterfahrung ist nicht unbedingt weltbewegend, aber auch nicht vollkommen uninteressant.

Das war der neuseeländische Abschnitt unserer Funeral-Doom-Reise. Nun liegt er in der Vergangenheit. Doch wohin wird uns die Zukunft führen? Gibt es eine Zukunft? Endet die Reise hier – auf der anderen Seite der Welt?

Alle Etappen unserer Funeral-Doom-Reise gibt es hier.


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