KREATOR - das 'Hate über alles' Gangbang-Review

Lange hat's gedauert und nun ist sie da: "Hate über alles", die fünfzehnte Studioplatte der Essener Kult-Thrasher KREATOR. Es ist ein Album, auf das man gute fünf Jahre mit Spannung warten durfte. Eines, bei dem man einmal mehr über der Befürchtung brütet, dass die mit "Violent Revolution" begonnene und seit stolzen zwei Dekaden (!) andauernde Vollgasfahrt irgendwann ins Stocken geraten könnte. Und nicht zuletzt eine Scheibe, bei der man trotz aller Unwägbarkeiten schon im Vorhinein weiß, wie die Nummer ausgeht.

Wie immer am Puls der Zeit und entgegen aller Statistik

Denn so reell die Chance auch (scheinbar) ist, dass nach einem Hattrick über fünf ausnahmslos hochkarätige Alben tatsächlich mal die Luft raus sein könnte oder sich auch nur ein mittelprächtiger Release einschleichen könnte – so scheinen Vokabeln wie "trivial", "durchschnittlich" oder "zweitklassig" im Wortschatz von Mille Petrozza und Co. einfach nicht vorzukommen. KREATOR scheinen (spätestens) seit ihrer 2001er Rolle rückwärts schlichtweg verlernt zu haben, mediokre Kost zu komponieren und schwimmen damit klar gegen den Strom der Statistik. Jede Band dieser Welt kennt Höhen und Tiefen und die wenigsten schaffen es, nach einem veritablen Hit-Album gleich nochmal in gleicher Stärke nachzulegen (abgesehen vielleicht mal von AMORPHIS oder TESTAMENT). BEHEMOTH bspw. konnten trotz guter Ansätze nicht zu ihrem legendären "The Satanist" aufschließen, IRON MAIDENs letzte wirklich (!) gute Platte erschien 2003 und METALLICA...die versuchen's gar nicht erst.

Und dann kommen KREATOR um die Ecke und ballern einem mit einer beispiellosen Selbstverständlichkeit, Leichtigkeit und Souveränität einen vor den Latz, dass man glatt meint, es gäbe nur noch eine wirklich taugliche (Thrash-)Metal-Band auf diesem Planeten. Natürlich ist bei einer neuen KREATOR-Scheibe von vornherein klar, dass diese kein Rohrkrepierer sein kann – das würde gegen mindestens fünf Naturgesetze und die guten Sitten verstoßen. Aber wenn einem eine so hochtourige Abrissbirne wie der Titelsong "Hate über alles", die mit Leichtigkeit die Brücke zwischen "Coma Of Souls" und der Gegenwart schlägt, durch die Ohren fegt, dann ist man am Ende doch erleichtert, dass sich die anfängliche Vermutung einmal mehr bestätigt hat.

Mit dem prägnanten wie zeitgemäßen Titelsong ("hate is the virus of this world" – mehr Worte braucht es nicht, um die aktuelle Weltlage zu beschreiben) und dem darauf folgenden "Killer Of Jesus" belegen KREATOR, dass sie von Altersmilde, mangelnder Konsequenz und Arthrose in der Schreibfeder so weit entfernt sind wie der Nordpol vom Südpol. Wären da nicht die inzwischen standesgemäß melodischen Refrains und Einschübe oder Soli, wüsste man bei diesen Tracks wahrscheinlich nicht einmal, welches Jahrzehnt die Uhr gerade geschlagen hat...so brutal, konsequent und authentisch kommen die straighten Thrash-Nummern auf "Hate über alles" rüber. Zu diesen ziemlich oldschool gehaltenen Nummern gesellen sich zahlreiche Stücke, die in bester Tradition von "Enemy Of God", "Phantom Antichrist" und natürlich "Gods Of Violence" die Fahne hochhalten – allen voran "Conquer And Destroy", "Demonic Future" und das vergleichsweise modern gehaltene "Strongest Of The Strong".

Zu den Überraschungen der Platte gehören der im feinsten "Warriors Of The World United"-Takt gezockte Stampfer "Crush The Tyrants", der unverschämt eingängige Flashback-Song "Become Immortal" und der Gänsehaut-intensive, eindringlich mahnende Rausschmeißer "Dying Planet", dessen Atmosphäre und Aussage sich in puncto "Düsternis" kongenial die Hand geben. Richtig extravagant wird's jedoch erst in "Midnight Sun", wo Mille Petrozza sich im mystifizierten Duett mit Popsängerin Sofia Portanet übt. Gewagt, unkonventionell und nebenbei latent ohrwurmig – vielleicht nicht die stärkste Granate im Hitfeuerwerk, aber ein willkommener Farbtupfer mit Alleinstellungsmerkmal.

Das elfte Gebot: KREATOR triumphieren immer!

So darf man am Ende (nach unzähligen schlechteren Optionen) die folgende Formulierung für das elfte Gebot in Stein meißeln und sie beim Abstieg von der Altenessener Schurenbachhalde lauthals ins Ruhrgebiet skandieren: KREATOR triumphieren immer! Wer's nicht glaubt, braucht lediglich eine Dreiviertelstunde seiner Zeit zu investieren, um zu erkennen, dass die reviewtechnische Prophezeiung Wahrheit spricht. Denn auch, wenn der Verfasser sich am Ende nicht ganz zum Äußersten durchringen konnte, so sei der Leserschaft versichert, dass er zumindest ernsthaft über ein erneutes "High Five" nachgedacht hat...und das alleine hat schon was zu bedeuten. Und nicht zuletzt ist "Hate über alles" auch jenseits aller Zahlen alles geworden, was man sich als Fan des deutschen Szeneflaggschiffs herbeisehnen konnte: ein würdiger und ebenbürtiger Nachfolger des mächtigen "Gods Of Violence", ein durch und durch großartiges (Thrash-)Metal-Album und zugleich ein heißer Anwärter auf den Genre-Dominator des Jahres. KREATOR über alles!

4,5 / 5,0 - Lord Seriousface


Inhaltsverzeichnis:

Seite 1: Einleitung
Seite 2: Anthalerero
Seite 3: Christian Wiederwald
Seite 4: Ernst Lustig
Seite 5: Jörn Janssen
Seite 6: Lord Seriousface
Seite 7: Martin Weckwerth
Seite 8: Peter Haider
Seite 9: Fazit


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