Filmkritik - Top Gun: Maverick

Veröffentlicht am 04.06.2022

Prolog

Wir schreiben das Jahr 1991. Drei just dem Kindergarten entflossene Jungspunde verbringen gemeinsam den Nachmittag und stimmen das Fernsehprogramm der heutigen Zusammenkunft ab. Der Gastgeber kramt in seiner VHS-Kiste und stellt folgende Optionen zur Auswahl: "Top Gun" oder "Elliot, das Schmunzelmonster"? Die beiden Gäste stimmen für den hilfsbereiten Tarnkappendrachen, was der Gastgeber jedoch (natürlich vollkommen unbewusst) als "Top Gun" interpretiert und in der Folge der F-14 die Starterlaubnis erteilt…

 


 

Was soll uns diese auf einer wahren Begebenheit basierende Anekdote über die bevorstehende Filmkritik zu "Top Gun: Maverick" sagen? Dass der Verfasser seine Kindheit damit verbrachte, Tom Cruises cineastischen Takeoff in die Überschallgeschwindigkeit tagein tagaus über die Flimmerkiste rattern zu lassen? Dass besagter Kultfilm bis heute zu seinen bevorzugten Abendprogrammen an einsamen Hotelzimmerabenden gehört? Dass er das Drehbuch auswendig und fehlerfrei wiedergeben kann, ohne dabei einmal Luft zu holen? Auf alle diese Fragen lautet die Antwort: ja, aber sowas von!

Und aus eben jenem Grund trug es sich zu, dass ich nach einer scheinbar unendlichen, corona-bedingten Verzögerungs-Orgie zum heimischen Kinostart die erste Vorstellung im größten und lautesten Kino meiner Region reservierte und stolze 36 Jahre nach Teil eins die Fortsetzung "Top Gun: Maverick" auf mich wirken ließ. Eine Fortsetzung zu einem Film, der ursprünglich nicht für eine solche angelegt war und der sie auch eigentlich überhaupt nicht gebraucht hatte. Und das fast vierzig Jahre nach dessen Erscheinen…in einer (Kino-)Welt, in der alles und jeder zum drölfzigsten Mal aufgewärmt wird, um auch noch den letzten halben Cent aus einer irgendwann mal erfolgreichen Story herauszupressen.

 

 

Über das Trauma "Star Wars" und die Angst vor Fortsetzungen

Auch wenn die Trailer eine Story mit Potenzial erahnen ließen und die Bilder vielversprechend aussahen, musste ich im Vorfeld immerzu an die vollkommen vergurkte Disney-Fortsetzung der "Star Wars"-Saga denken: ein über Dekaden gewachsenes Kollektiv hochwertiger Literatur inklusive der ganz klar besseren Story nach "Episode VI" wurde (aller Wahrscheinlichkeit nach des schnöden Mammons wegen – Tantiemen an gute Autoren zu zahlen ist ja gemeinhin out) über den Haufen geworfen, um in letzter Konsequenz einen hanebüchenen Hirnschiss wie das Überleben von Imperator Palpatine auf Zelluloid zu bannen. Meine Güte, der Typ wurde samt dem zweiten Todesstern pulverisiert – daran können weder die Macht noch Walt Disney's märchenhaftes Budget was ändern. Der von lachhaften Figuren und logischen Brüchen flankierte Auftakt zum Hochverrat an einer der größten Kino- und Literaturerfolge aller Zeiten hörte auf den Titel "Das Erwachen der Macht" und war für mich der irreparable Bruch mit einem meiner bis dahin am stärksten favorisierten Zeitvertreibe vor der Mattscheibe. Und meine größte Befürchtung war, dass die Macher von "Top Gun: Maverick" etwas ähnlich Grausames mit meinem unangefochtenen All-Time-Fave im DVD-Regal veranstalten könnten.

Wie gesagt…KÖNNTEN! Dass der neue Streifen aber nur ansatzweise so an die Wand gefahren werden könnte wie "Episode VII", konnte ich mir gleichwohl nur schwer vorstellen – dazu hätte man schon Tom Gerhardt ins Cockpit setzen und kotzen lassen müssen (nicht falsch verstehen: ich feiere den Herrn total, aber in einer F/A-18 hat er nichts verloren – normaaal!). Aber die Gefahr für eine abgemilderte Form kultureller Vergewaltigung war durchaus gegeben. Umso beruhigender wirkte es auf mich, dass am Ende das genaue Gegenteil eingetreten ist und sich das lange Warten wirklich gelohnt hat.

Mit Nostalgie, Emotion und Bildgewalt zum Überflieger

Die Kritiken sprechen für sich und auch mein Beitrag dazu wird keine Ausnahme sein. Warum aber hat "Top Gun: Maverick" das Zeug zum Überflieger?

Die Story: wie sein 1986er Vorgänger hat auch "Top Gun: Maverick" einen vom militärischen Zeitgeist geprägten Plot als Rahmenhandlung – und wenn man sich das Ziel der scheinbar unmöglichen Mission in Verbindung mit Vokabeln wie "Schurkenstaat" und dergleichen vor Augen führt, fällt es nicht schwer, nachzuvollziehen, warum die Navy dem Drehbuch grünes Licht gegeben hat. Doch wie schon angedeutet bildet die Vorbereitung auf die scheinbar unmögliche Mission und die Durchführung derselben nur das dramaturgische Rückgrat des Films, in dessen eigentlichen Zentrum die Konfliktbewältigung zwischen den Protagonisten Maverick und seinem Schützling Bradley "Rooster" Bradshaw – dem Sohn von Mavericks verstorbenen Copiloten Nick "Goose" Bradshaw – steht. Der eigentliche Konflikt geht hierbei nicht unmittelbar auf den 1986 inszenierten Flugunfall zurück, der den Tod von Goose zur Folge hatte. Die eigentlichen Hintergründe von Roosters anfänglicher Feindseligkeit gegenüber Maverick sind so überraschend wie plausibel und gehen interessanterweise nicht auf das Konto von Maverick allein. Aber der in Teil eins gelegte Grundstein sorgt auch in der Fortsetzung noch für genügend Konfliktpotenzial und emotionales Futter, so dass hier weitere Kollateralschäden nicht von Nöten waren (auch, wenn die Unversehrtheit diverser Haupt- und Nebencharaktere mehr als einmal in Frage gestellt wird).

 

 

Die Authentizität und lebendige Nostalgie: "Top Gun: Maverick" lebt von der Atmosphäre und Ästhetik seines Vorgängers und geizt dementsprechend nicht mit Flashbacks. Maverick auf seinem Bike im "Wettrennen" mit einem startenden Kampfjet, die berühmte Volleyball-Szene, Gesangseinlagen in der Bar, das Wetteifern um den Titel des besten Piloten…viele bekannte Szenen des ersten Teils finden hier ein Pendant, gehen aber nicht selten mit einem Twist in der Story einher – so auch im Falle des Football-Matchs am Strand, das nur vordergründig der Besatzungs-Bespaßung gilt. Maverick selbst ist nach wie vor der eigenwillige Draufgänger von damals, der es nur seiner Freundschaft zu seinem ehemaligen Rivalen Iceman zu verdanken hat, dass er heute keine Chop-Suey-Konserven aus Hongkong rausfliegt. Die vielen, gelungenen Seitenhiebe auf den Vorgänger katapultieren einen immer wieder zurück zu den Anfängen, machen das Dargebotene vertraut und sorgen dafür, dass sich das Ganze "richtig" anfühlt. Einzig das Ausscheiden von Mavericks alter Flamme Charlie hinterlässt mich mit einem weinenden Auge – da aber deren Darstellerin Kelly McGillis die Schauspielerei längst an den Nagel gehängt hat und eine Neubesetzung nicht authentisch machbar gewesen wäre, kann man der neuen Story um die in Teil eins angedeutete Penny Benjamin durchaus mit Wohlwollen begegnen.

Die Inszenierung: wie schon in Teil eins gehörte es zum guten Ton, die Flugszenen (wo immer möglich) in echten Flugzeugen zu drehen, wodurch die Szenen und insbesondere die Auswirkungen der G-Kräfte realistisch wirken. Dieser Ansatz wurde auch in der Fortsetzung gewählt, wodurch ein sehr viel glaubwürdigerer und hochwertiger Eindruck entsteht. Die Figur des Rooster wurde mit Miles Teller so passend wie nur irgend möglich besetzt – Rooster wirkt seinem "alten Herrn" wie aus dem Gesicht geschnitten und sorgt mit dieser Eigenschaft für ein hohes Maß an Authentizität. Die Szene, in der er in einer Bar mit passendem Sommeroutfit "Great Balls Of Fire" zum Besten gibt und man dazu noch den Rückblick zu derselben Szene mit Goose an den Tasten sieht, ging mir derart unter die Gänsehaut, dass ich mir ernsthaft Mühe geben musste, mir nicht im vollbesetzten Kino die salzhaltige Blöße zu geben. Nasse Augen, zittrige Hände, Puls am Limit – so zu Tränen gerührt war ich nicht mehr seit…keine Ahnung...schon lange nicht mehr.

Auch das große Finale ist trotz einer gewissen Vorhersehbarkeit unfassbar spannend und bombastisch in Szene gesetzt, so dass man gar nicht umher kann und mit in den Kinosessel gekrallten Fingern und kaltem Schweiß auf der Stirn auf die Leinwand starrt. Wird die scheinbar unmögliche Mission, auf die Maverick die jungen Flieger vorbereitet hat, glücken? Ja, bestimmt. Werden alle überleben, wo schon Maverick selbst davon ausgeht, dass es zu Verlusten kommt? Da war ich mir schon nicht mehr ganz so sicher. Wird Maverick selbst den Einsatz überleben oder wird er sich im Ernstfall für seinen Schützling Rooster und die Mission opfern? Dieser Gedanke beschäftigte mich von der ersten Szene an und ließ mich bis kurz vorm Abspann nicht los.

Auch, wenn irgendwie schon von Anfang an klar ist, wie es ausgeht und welche Rolle der von sich selbst überzeugte Rivale am Ende spielt – gewisse Zweifel bleiben bis zum Schluss berechtigt und die Inszenierung bleibt bis zur letzten Sekunde spannend. Absolut meisterlich.

Auf die bestmögliche Art und Weise fortgesetzt

Dieselbe Ästhetik, ein ähnlicher Humor und eine authentische Darstellung sowohl der bekannten als auch der neuen Charaktere. "Top Gun: Maverick" hat das Unmögliche möglich gemacht und den 1986er Kultstreifen auf die bestmögliche Art und Weise fortgesetzt, ohne dem Erbe seines Vorgängers einen Kratzer zuzufügen. Das furiose Finale mag an mancher Stelle etwas überzogen wirken und auch die Musik hätte etwas mehr vom Charme der 80er vertragen können, dafür erlebt die legendäre F-14 ein kurzzeitiges Comeback, das die beiden Protagonisten quasi nebenbei zu einem Team zusammenschweißt. Das Original mag auf ewig unerreichbar bleiben, aber so wie unumstößlich wie diese Feststellung ist auch die Tatsache, dass eine bessere Fortsetzung kaum möglich gewesen wäre. In diesem Sinne darf ich mich den vielen positiven Kritiken zu "Top Gun: Maverick" anschließen und den Streifen wärmstens empfehlen.

…und jetzt muss ich ins Kino – wegtreten!

Wertung: 4,5 / 5,0

 

 


 

Crew:

Regie: Joseph Kosinski
Drehbuch: Christopher McQuarrie, Ehren Kruger, Eric Warren Singer
Produktion: Jerry Bruckheimer, Tom Cruise, David Ellison, Christopher McQuarrie
Musik: Harold Faltermeyer, Lady Gaga, Hans Zimmer, Lorne Balfe
Kamera: Claudio Miranda
Schnitt: Eddie Hamilton

Besetzung:

Tom Cruise: Capt. Pete "Maverick" Mitchell
Miles Teller: Lt. Bradley "Rooster" Bradshaw
Jennifer Connelly: Penelope "Penny" Benjamin
Jon Hamm: Vizeadmiral Beau "Cyclone" Simpson
Charles Parnell: Konteradmiral Solomon "Warlock" Bates
Bashir Salahuddin: Bernie "Hondo" Coleman
Glen Powell: Lt. Jake "Hangman" Seresin
Monica Barbaro: Lt. Natasha "Phoenix" Trace
Lewis Pullman: Lt. Robert "Bob" Floyd
Danny Ramirez: Lt. Mickey "Fanboy" Garcia
Jay Ellis: Lt. Reuben "Payback" Fitch
Greg Tarzan Davis: Lt. Javy "Coyote" Machado
Val Kilmer: Admiral Tom "Iceman" Kazanski
Ed Harris: Konteradmiral Chester "Hammer" Cain
Lyliana Wray: Amelia Benjamin
Chelsea Harris: Angela Burke
Jean Louisa Kelly: Sarah Kazansky
Raymond Lee: Lt. Logan "Yale" Lee
Manny Jacinto: Lt. Billy "Fritz" Avalone
Jake Picking: Lt. Brigham "Harvard" Lennox
Kara Wang: Lt. Callie "Halo" Bassett
Jack Schumacher: Lt. Neil "Omaha" Vikander

 


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