BEHEMOTH - Das 'Opvs Contra Natvram' Gangbang-Review

Rückblick – von Aufstieg, drohendem Fall und Triumph

Wir blicken zurück auf das Jahr 2010: die polnischen Genredefinierer BEHEMOTH blicken auf die unheilige Dreifaltigkeit aus "Demigod", "The Apostasy" und "Evangelion" zurück – auf drei mehr als standhafte 4,5er-Alben, für die die Polen bis heute von vielen bewundert und beneidet werden. Danach der Schock – Fronter und Visionär Nergal erkrankt an Leukämie…doch der charismatische Sänger springt dem lästigen Sensenschwinger von der Klinge und erschafft im Rausch des Überlebens das Jahrhundertwerk. "The Satanist" – das Monstrum, die Perfektion des Schwarzen, das ultimative BEHEMOTH-Album. Ein okkultes Monument, das in allen Belangen – vom Songwriting über die Arrangements bis hin zur Produktion – so vollkommen und makellos ist, wie es ein Metalalbum nur sein kann. Ein Album, dem ich jederzeit seine verdiente Höchstnote zusprechen würde und das in keinem Best-Of-Rückblick fehlen darf – völlig egal, ob es sich dabei um die Jahres-, Dekaden- oder Jahrhundert-Charts handelt.

Zurück in die Gegenwart und "Opvs Contra Natvram"

Und wie schon in meinen Gedanken zur aktuellen ME AND THAT MAN angemerkt, sehne ich mir vom polnischen Schwarztod-Flaggschiff nichts sehnlicher herbei als ein echtes "The Satanist 2.0". Ein frommer, wenn auch nahezu unmöglicher Wunsch, der den unangenehmen Nebeneffekt hat, jedem neuen Album der Band mit einer an Fremd-Größenwahn grenzenden Erwartungshaltung gegenüberzutreten. Doch sind wir mal ehrlich – "I Loved You At Your Darkest" war ein gutes Album, aber von einem "The Satanist 2.0" weit entfernt…semibehagliche Experimente à la "Sabbath Mater" hin oder her.

Und jetzt kommt "Opvs Contra Natvram". Den ersten Vorboten "Ov My Herculean Exile" gierig aufsaugend wie ein eiskaltes Antialk-Radler an einem glühend heißen Sommertag, dachte ich mir seinerzeit: "was ist das denn bitte für ein lahmer und glanzloser Selbstabklatsch?!" Woraufhin ich meinen Gedanken weiterspann: "nein, das kann nicht sein! BEHEMOTH sind sprichwörtlich too satanist to fail – die können nicht so derbe abstinken!" Also verordnete ich mir selbst tägliche Mopsbeschallung [Anm. d. Verf.: ja, selbst eine diabolische Kombo wie BEHEMOTH verdient einen Kosenamen!] und ließ den neuen Dreher wirken…und wirken…und wirken…

"Opvs Contra Natvram" – Grower oder Stinker?

Die gute Nachricht zuerst: "Opvs Contra Natvram" hat durchaus seine Stärken und Grower-Qualitäten. Über das ausufernde Drama-Intro "Post-God Nirvana" darf man vielleicht geteilter Meinung sein, aber der hierauf folgende Quasi-Opener "Malaria Vvlgata" zeigt zweifelsohne, wo der Deibel die Locken hat! Das Teil beschleunigt unbarmherzig von null auf hundert und entpuppt sich als das deutlichste Black-Metal-Bekenntnis seit…Langem. Ein furioser Einstieg, der Großes erwarten lässt.

Und Großes soll zumindest ansatzweise folgen. Mit "Off To War!" bspw. gibt es wieder einen Song, der wie der berüchtigte Fußball in der Bratpfanne immer größer wird und sich dabei mit jedem Durchlauf vehementer in der Großhirnrinde festfrisst. Oder das sinistre "Neo-Spartacvs", bei dem zur Abwechslung der Bass im Mittelpunkt steht und das mit einem "Satanist"-würdigen Solo ausklingt.

Ebenfalls interessant (aber in gewisser Weise zweischneidig) ist der von Kollegen Lustig trefflich als DIMMU-BORGIR-Schlagseite identifizierte, stärkere Drang zu symphonischen Beiklängen, der "The Deathless Sun" und "Thy Becoming Eternal" von den überwiegend reinrassigen Schwarzheimersongs der Platte abhebt. Das sorgt auf der einen Seite für Abwechslung und Earcatcher-Qualitäten, wirkt aber auf der anderen Seite etwas dick aufgetragen. Man erinnere sich im Kontrast an die Chöre in "Ben Sahar" oder die "Bläser in Blow Your Trumpets Gabriel", die ihrerzeit dezent und behutsam, aber immer zweihundert Prozent wirkungsvoll arrangiert wurden. Dagegen wirken die neuen Tracks – ganz im Stile neuzeitlicher DIMMU BORGIR – ein wenig wie Mayo mit Pommes statt Pommes mit Mayo…

Auch "Once Upon A Pale Horse" versucht mal was Neues und machts gewissermaßen wie SATYRICON: "verpasse deiner Suppe einen avantgardistischen Touch und spiele sie mit angezogener Handbremse"! Kann man so machen – ist immerhin nicht so abgespaced wie "Sabbath Mater", aber im Umkehrschluss auch ein wenig fahl. Und zu guter Letzt übt sich der Rausschmeißer "Versvs Christvs" in Drama und Epik: sich etappenweise aufbauend, mit Klargesang betörend und mit vereinzelten Hartriffs für die nötige Würze sorgend beschert die letzte Nummer auf "Opvs Contra Natvram" einen würdigen Abgang, die ihren großen Bruder "O Father O Satan O Sun!" allerdings aus der Froschperspektive betrachten darf.

Gutes Album, aber…

So halten wir summa summarum fest, dass "Opvs Contra Natvram" vom Grundsatz her schon ein gutes Album geworden ist. Es hat einige derbe Uptempo-Schwarzmaler, etwas Stoff für Bombast-Freunde und vereinzelte Experimente, die zur Freude konservativer Hörer weniger offensiv und provokativ sind als auf "I Loved You At Your Darkest". Was sich jedoch auch auf diesem Vollrund nicht leugnen lässt, ist, dass die Brillanz der goldenen Phase von "Demigod" bis "The Satanist" auch hier nicht erreicht wird. Letzteres mag ein singuläres Mysterium gewesen sein, das auch aufgrund der Umstände seiner Entstehung kein zweites Mal gelingen kann – aber es legt die Messlatte für alles, was nach ihm folgt. Das Feuer, die Leidenschaft, die Inbrunst und die Perfektion des Arrangements auf der einen Seite ("The Satanist") und die mit kompromissloser Brutalität gepaarten, virtuosen Kompositionen auf der anderen Seite (die drei Alben davor) – all das gab es schon mal eine Nummer größer. Und deshalb ist "Opvs Contra Natvram" in meinen Ohren ein gutes Album und kein großartiges.

4,0 / 5,0 - Lord Seriousface


Inhaltsverzeichnis:

Seite 1: Einleitung
Seite 2: Anthalerero
Seite 3: Christian Wiederwald
Seite 4: Ernst Lustig
Seite 5: Lord Seriousface
Seite 6: Michael Walzl
Seite 7: Sophia Brandt
Seite 8: Fazit


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