TWITCH OF THE DEATH NERVE - Beset By False Prophets

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VÖ: 12.03.2021
Bandinfo: TWITCH OF THE DEATH NERVE
Genre: Brutal Death Metal
Label: Comatose Music
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Lineup  |  Trackliste

Das Jahr 2004, irgendwo im verregneten London: Tom und ein weiterer Tom lieben Filme und hassen Menschen. Sie benennen sich nach einem der relativ zahlreichen Titel des italienischen Films „A Bay Of Blood“ (1971) und pressen ihre Emotionen in extremen Lärm. Bis zum ersten Album dauert es noch 10 Jahre. Die zweite LP „A Resting Place For The Wrathful“ erschien 2020 – ein Paradestück des Technical Brutal Death Metal. Zum Glück gibt es diesmal keine so lange Pause, sondern ziemlich genau ein Jahr später nun die EP „Beset By False Prophets“, an die ein Live-Set angehängt ist.

Das zweite Album „A Resting Place For The Wrathful“ von TWITCH OF THE DEATH NERVE ist eines meiner meistgehörten Alben in 2020. Eine Begründung dafür ist natürlich die grandiose Mixtur von Brutalität und spielerischem Anspruch, die selten derart perfektionierte Kombination von Technical Death Metal und Brutal Death Metal. Eine weitere Begründung ist, dass es einfach nichts Besseres auf die Ohren gibt, wenn man gezwungen ist, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren.

„Walk hand in hand into extinction“

Zu keiner Zeit macht es Spaß, sich den absurden menschlichen Dummheiten und Ekelhaftigkeiten auszusetzen, die sich einem in den Bussen und Bahnen dieser Welt aufdrängen. Noch nie war es erfreulich, sich von der brüllend telefonierenden Victoria Grace unbeteiligt anschreien lassen zu müssen, Dscherremie-Pascals Tritte gegen seinen Sitz ertragen zu müssen oder sich für den Kebab-Mundgeruch von Thorben Manuel noch bedanken zu wollen, weil die Ausdünstungen der angesammelten (Un-)Menschlichkeit um einen herum manch Erbrochenes zu Parfüm aufwerten würden. Aber in den vergangenen Monaten waren die öffentlichen Verkehrsmittel nicht nur gefüllt mit wirklich schwer erträglichen, sondern auch noch mit gemeingefährlichen Menschen, die Pandemiemaßnahmen ignorierten. Um da nicht auszuflippen, bedarf es schon wirklich guten Materials auf den Ohren. Und genau das ist „A Resting Place For The Wrathful“ (2020).

„Human consciousness is a tragic misstep in evolution“

Warum so viele Worte zum vergangenen Album? Weil es fast vollständig auf der aktuellen EP enthalten ist – und zwar als Live-Version. In diesem Fall bedeutet das, dass es etwas roher und ein wenig dreckiger klingt. Eigentlich bin ich ein großer Skeptiker, wenn es um Live-Alben geht, aber da dies ein erstklassiger Zusatz zur EP ist und der Sound diesen Hauch Dreck gut vertragen kann, kann ich das nur befürworten. Wer die LP verpasst hat, kann sie hier weitgehend nachholen. Zwei Songs vom ersten Album gibt es noch obendrauf. 

„You want your mama to die?“

Nun aber zur eigentlichen EP „Beset By False Prophets“. Vier Songs mit einer Gesamtlänge von 13 Minuten. Im Brutal Death Metal passt da manchmal fast schon ein ganzes Album rein. Eingeleitet wird die Musik von Skits aus dem Film „The Deavil All The Time“ (2020), in denen ein hilflos wütender Vater dem nicht stark genug betenden Sohn Schuldgefühle für den bevorstehenden Krebstod der Mutter in die Psyche drischt.

Dann Krach. Großartiger Krach auf der schmalen Grenze zwischen zerfetzender Brutalität und kompositorischer wie spielerischer Präzision: wirklich gut gemachter Technical Brutal Death Metal! Hört selbst:

Unterbrochen wird das Hörzellenmassaker nur von weiteren Schnipseln der Filmkunst. So zum Beispiel von den misanthropischen Worten des vielleicht besten Philosophen, der nie gelebt hat: Rust Cohle aus der ersten Staffel von „True Detective“ (2014). Natürlich aus dem Zusammenhang gerissen und verkürzt, aber dennoch transportieren sie eine erfrischend deutliche Einstellung zur menschlichen Spezies.

Fazit

TWITCH OF THE DEATH NERVE machen mit „Beset By False Prophets“ genau da weiter, wo sie vor einem Jahr aufgehört haben. Zum großen Teil ist es sogar das gleiche Material, das es nun zu hören gibt. Eine Neuerfindung oder meilenweite Entwicklung ist aktuell aber auch gar nicht notwendig, denn der Stoff war schon vor einem Jahr absolut erstklassig und ist es auch heute – sowohl die Live-Anteile als auch die neuen Songs. Wer nicht wusste, dass ihm Technical Brutal Death Metal in seinem Leben gefehlt hat, wird es nach dem Genuss der EP wissen – oder es ist halt nicht sein Genre. Perfekt für die akustische Kompensation grenzenlosen Menschenhasses!

 

Um Missverständnissen in der Notenvergabe vorzugreifen, sei hier erwähnt, dass es sich bei 3,5 Punkten um eine sehr gute, bei 4,0 Punkten um eine außergewöhnlich starke Platte und bei 4,5 Punkten um ein überragendes Ausnahmealbum in der Meinung dieses Review-Autoren handelt.



Bewertung: 4.0 / 5.0
Autor: Jazz Styx (05.03.2021)

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