GHOST - das 'Prequelle' Gangbang-Review

GHOST. Ich gebe zu, das ist ein schwieriges Thema für mich. Obwohl ein erklärter Freund von Kostüm- und Gimmick-Bands, wollte der Hype um die mysteriösen Schweden bei mir nie so wirklich ankommen. Weder die bisherigen Alben, vom Beginn mit „Opus Eponymous“ bis hin zu den letzten Outputs wie "Popestar", noch eine Live-Beschau, geschweige denn ein Grammy-Gewinn konnten mich für GHOST erwärmen. Nachdem das Virus von Papa Eremitus in seinen diversen Inkarnationen aber im Freundeskreis und zwischenzeitlich auch in der Redaktion wie ein Lauffeuer um sich greift, war es an der Zeit sich im Zuge eines Gangbangs doch noch einmal eingehender mit Papa und seinen Nameless Ghous auseinanderzusetzen.

Also frisch und fröhlich und ohne jegliche Erwartungshaltung an das neue Album „Prequelle“ herangegangen, welches mit einem sich dramatisch aufbauenden Intro startet und quasi nahtlos in das fluffige „Rats“ übergeht. Das groovt ja doch ganz gewaltig, watet irgendwie knietief in den 80ern, klingt aber gleichzeitig dennoch modern – und fräst durch seine pointierte Eingängigkeit eine tiefe Rille in die Ganglien. Verdammt, der Song sitzt. „Faith“ kitscht sich danach ebenfalls schnell ins Ohr, während „See The Light“ mit wunderschönem Spannungsbogen zu bestechen weiß – unnötig zu erwähnen, dass sich der überharmonische Gesang des zwischenzeitlich von Papa Eremitus zu Cardinal Copia gewordenen Tobias Forge auch hier nachhaltig ins Kleinhirn schnulzt.

Das Instrumental „Miasma“ lässt mit sphärischen Klängen aufhorchen und überrascht mit einem großartigen Saxofon-Part, inklusive Solo. Das ist vielleicht null Metal und auch von Rock merkt man bis auf ein paar sich zufällig verirrte Stromgitarren nichts – doch man kommt nicht umhin zu bemerken, dass hier tatsächlich große musikalische Kunst geboten wird, durchaus breitenorientiert, aber unabhängig von jeglichen Genreschublädchen.

Also Stimme hat er ja eine wirklich prägnante, der Herr Tobias Forge, wie man vor allem im zwischen treibenden Melodien und schmeichelnden Vocals pendelnden „Dance Macabre“ merkt. Das unbestrittene Highlight des Albums ist aber „Pro Memoria“, das mit solcherart dramatischem Aufbau einherkommt, dass es einem die Gänsehaut nicht nur einmal den Rücken rauf und runter, sondern auch einmal quer durch die Eingeweide reißt. Klar, auch weiterhin absolut nichts Brachiales in Sicht, aber dafür Songwriting-Kunst auf höchstem Niveau. Ob man nun möchte oder nicht, „Pro Memoria“ bleibt sehr nachhaltig hängen.

Auch den Refrain von „Witch Image“ wird man nur schwer wieder los, funktioniert der Song doch ebenfalls grandios. „Helvetesfonster“ ist danach ein schönes Instrumental, vor allem mit seiner Flötenmelodie, doch insgesamt fehlt es ein wenig an Höhepunkten. Dafür kitschklebt sich „Life Eternal“ zum Schluss noch einmal herzhaft zwischen die Zähne und treibt den Insulinspiegel in schwindelerregende Höhen.

Obwohl man neidlos anerkennen muss, dass GHOST, respektive Mastermind Tobias Forge, ein absolut goldenes Händchen fürs Songwriting haben, bleibt die gewisse Zerrissenheit noch immer bestehen. Denn so wirkungsvoll und kunstvoll wie „Prequelle“ inszeniert ist, so sehr tanzt es auch gleichzeitig einen emotionalen Tanz gefährlich nahe am Abgrund zum Sumpf des Kitsches, der sich für mich nicht ganz mit der Ernsthaftigkeit und dem aufgeblähten, mysteriösen Image von GHOST in Einklang bringen lässt. Soll ich das Album also geil oder scheiße finden, oder gar belanglos? Weder noch. Ich sage, wir lauschen hier großer musikalischer Kunst, die es aber, wie alles im Leben, nicht jedem recht machen kann. So teile ich den Hype um GHOST auch weiterhin nicht, doch kann ihnen nur zu einem großartigen, musikalisch-künstlerisch äußerst wertvollen Album gratulieren.

4 / 5 - Anthalerero


Inhaltsverzeichnis:

Seite 1: Einleitung
Seite 2: Christian Wiederwald
Seite 3: Christian Wilsberg
Seite 4: Pascal Staub
Seite 5: Sonata
Seite 6: Anthalerero
Seite 7: Fazit


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