Funeral-Doom-Reise: Etappe 14: Finnland II

Text: Jazz Styx
Veröffentlicht am 15.04.2021

Intro

Funeral Doom ist vielleicht nicht gerade das lebensfroheste Subgenre der großen Metal-Spielwiese, aber … Nein, kein Aber. Funeral Doom ist der direkte klangliche Mangel an Lebensfreude. Depressiv bis nihilistisch dröhnt und rauscht er sich meist mit einer Mischung aus Death Metal und doomiger Langsamkeit in die Ohren seiner Hörer.
Diesem wunderbaren Genre soll hiermit ein schriftliches Denkmal gesetzt werden: eine Reise durch den aktuellen Funeral Doom.
Welche Band nun tatsächlich Funeral Doom spielt und welche vielleicht doch eher Death Doom, wird hier simpel nach ihrer Kategorisierung in der Encyclopaedia Metallum festgestellt. Welche Band „aktuell“ ist, wird beinahe willkürlich darauf festgelegt, dass sie aktuell als „nicht aufgelöst“ gelten und in den letzten fünf Jahren mindestens eine Studio-LP oder -EP veröffentlicht haben muss – Ausnahmen bestätigen auch diese Regeln. Wer eine Band vermisst, schreibe gern den Stormbringer an und beschwere sich freundlich – vielleicht gibt es dann Nachträge.

Finnland

Dass Finnland die größte Funeal-Doom-Band-Dichte Eurpas (und wahrscheinlich der Welt) hat, haben wir letzte Woche bereits festgestellt. Deswegen gibt es ja auch noch genug Material für diese Woche, in der unsere Reise weiter durch das schöne Finnland geht.

OAKMORD

Bei OAKMORD treffen wir Sami Rautio von KADOTETTU von der letzten Etappe wieder. Gemeinsam mit dem Deutschen Jürgen Fröhling brachte er 2020 das Debütalbum „We Were Always Alone“ heraus. Darauf wird gewalzt, gelitten, Atmosphäre erzeugt, geknarzt, verzerrt, Ruhe genossen und vor innerem Schmerz geschrien. Trotz der relativen Vielseitigkeit wirkt das gute Stück wie aus einem Guss, auch wenn mich das einen Eintrag ins Phrasenregister kostet. So hoffnungslos OAKMORD auch klingen mögen, hoffe ich doch, dass es nicht bei einem Album bleibt.

OBLIVION GATE

Meine Kollegin war im Review der neueren der beiden EPs „Wisdom Of The Grave“ von OBLIVION GATE nicht besonders zufrieden mit dem Funeral Doom von Reuben Christopher Jordan alias Matron Thorn. Trotzdem besuchen wir ihn in Tampere, um seine Musik vorzustellen und einzuordnen. Der Funeral-Einschlag in seinen Doom ist nicht übermäßig groß bzw. der Anteil an klassischem Doom in seinem Funeral Doom ist hoch. Auch gibt es große Black-Metal-Einflüsse, die allerdings nicht – wie so oft – in den Vocals liegen, denn die sind klar, sondern eher im Gitarrenspiel und den Drums. Das Ergebnis ist einigermaßen roh, etwas zäh und krachig. Interessant wäre es sicher, den starken Gesang in einer weniger angeschwärzten und ruhigeren Umgebung zu hören. Aber ich muss dem Review der Kollegin weitgehend zustimmen.

OBSEQVIES

Bei OBSEQVIES treffen wir den hochgeschätzten Daniel Neagoe wieder, dessen Kunst wir unter anderem schon bei der vierten Etappe in Großbritannien (DEOS) und bei dem achten Reiseabschnitt in Rumänien (MOURNERS) bewundern durften. Diesmal stößt er zu den vier Finnen Mikko, Jyrki, Niilo und Henrik hinzu, um ihrem Funeral Doom seine natürlich-atmosphärisch grollende Stimme zu leihen. Sie passt perfekt in den düsteren, reduzierten, ursprünglichen, bedrohlichen Sound, der Assoziationen von Eiswüste, Hochseenacht und kargem Bergrücken wecken kann. Das leider bisher einzige Album „The Hours Of My Wake“ (dt.: die Stunden meiner Totenwache) kann durch seine gewaltige Langsamkeit nur beeindrucken – absolut empfehlenswert!

PROFETUS

Erneut befinden wir uns in Tampere (Vielleicht die Welthauptstadt des Funeral Doom?) und lauschen den Klängen eines Quintetts. PROFETUS haben 2019 ihr drittes Album „The Sadness Of Time Passing“ für die geneigten Ohren freigegeben und es wirkt. Wie tagelanger Regen die Kleidung durchnässt, die Haut wellt und langsam jede Wärme aus dem Körper verbannt, so erfüllt die Traurigkeit der vergehenden Zeit unaufhaltsam das ganze Sein mit einer unstillbaren Schwere, ohne dabei besonders brutal oder anderweitig extrem zu werden. Dieses finnische Quintett ist ein Meister seiner Kunst und lohnt sich insbesondere für alle, die neben der natürlichen Gewaltigkeit eine sakrale Note vertragen können.

SHADES OF DEEP WATER

Schatten oder auch Nuancen tiefen Wassers und die Schwelle zum Tod. Das sind passend funeral-doomig die Übersetzungen der Namen des Solo-Projekts SHADES OF DEEP WATER und seines zweiten Albums „Death's Threshold“. Juho Huuskola ist verantwortlich für diese Klänge, die symphonische Anleihen und oft eine sehr dominante Gitarre mit Einzeltönen besitzen. Nach meinem Empfinden ist das beckenlastige Schlagzeug allerdings ein wenig zu roh in die sonst sehr homogene, traurige, aber ins Große bis Epische ragende Musik reingekloppt, was ja aber eine reine Geschmacksfrage ist. Besonderes Lob aber für das Klavier und den Minimalismus in den Vocals!

SHAPE OF DESPAIR

Mit SHAPE OF DESPAIR (dt.: Gestalt/Form der Verzweiflung) sind wir mal wieder in den Klängen einer der großen Legenden des Funeral Doom zu Gast. Das Sextett brachte zuletzt 2015 eine LP auf den Markt. „Monotony Fields“ ist ein beeindruckendes Stück atmosphärischer Langsamkeit und sanft-trauriger Schönheit. Durch nonverbalen weiblichen Klargesang, ein fast entrücktes Einzelton-Gitarrenspiel und sphärische Keyboradklänge wird den dröhnenden Akkorden und den gutturalen Vocals eine Leichtigkeit entgegengesetzt, die nicht aus der Begräbnis-Thematik, ihr aber mitunter die Schrecken nimmt, als hätte man einen anderen, einen akzeptierenden, einen verzeihenden Blickwinkel auf den Tod gewonnen. Wundervoll – wie auch das Cover der Platte!

SKEPTICISM

Da wir gerade schon von einer Legende sprachen, kommen wir nun zur vielleicht größten Funeral-Doom-Legende der Gegenwart. SKEPTICISM sind die letzte noch aktive Band, die weithin als Pionier des Genres angesehen wird. 2015 haben die vier Musiker zuletzt ihr fünftes Album herausgebracht. „Ordeal“ (dt.: Feuerprobe/Leidensweg) gilt allerdings nicht unbedingt als stärkster Output der Finnen. So fällt es auch mir schwer, emotional in das Werk einzusteigen. Die spezifisch skandinavische Art des halb-klaren Gesangs ist recht roh, die Rhythmik der Instrumente lockt in eine neue, andere Form des Unwohlseins, die sonst meist eher durch die Schwere und Macht eines tiefen Sounds erzeugt wird. SKEPTICISM haben mit der Platte – übrigens live aufgezeichnet – versucht, neue Wege zu gehen, was unbedingt lobend erwähnt sein soll. Vielleicht könnte ich diesen Schritt mit ihnen gehen, wenn Funeral Doom schon seit Jahrzehnten mein Leben wäre, doch vorerst bleibt mir nur, mich in ehrlichem Respekt zu verneigen und diese Evolution des Funeral Doom skeptisch, aber fasziniert zu betrachten … oder vielmehr zu hören.

TOWARDS

Korpi und Jumal gehen auf etwas zu. Das suggeriert nicht nur der Name ihres Bandprojekts TOWARDS, mit dem sie im September 2020 ihre dritte Platte mit dem einfallsreichen Titel „III“ veröffentlicht haben, sondern auch ihr wundervoll alleinstehender Sound. Was es darauf zu hören gibt könnte man progressiven oder experimentellen Funeral Doom nennen – oder auch Post-Funeral-Doom. Das Genre Metal gerät hier jedenfalls sehr an seine Grenzen und meist bewegen sich die Musiker aus Helsinki eher in den Gefilden von Klassik und Jazz. Die Stimmung und Atmosphäre des Funeral Doom überschattet allerdings jede Minute der düster-traurigen Platte. Ein richtungsweisendes (Meister-) Werk für die Genregrenzaufweichung des Funeral Doom!

TYRANNY

Nun treffen wir den Gitarristen Matti Mäkelä von PROFETUS wieder. Mit Lauri Lindqvist beglückte er unter dem Namen TYRANNY 2015 die Doom-Gemeinde mit einem zweiten Album. „Aeons In Tectonic Interment“ (dt.: Äonen der tektonischen Bestattung) macht seinem Titel alle Ehre. Die Langsamkeit der Weltzeitalter, die Gewaltigkeit der Erdplattenbewegung und die Niedergestimmtheit von Beerdigungen verschmelzen zu einem ruhigen, aber schweren, natürlich-nihilistischen, aber traurigen Schattenkoloss. In präsenteren Phasen krallt das Werk sich am Randbereich des Death Metal fest und türmt einstig ruhige Tiefen zu prächtig bedrohlichen Gebirgen auf. Ein krönend urgewaltiger Abschluss für unsere Funeral-Doom-Reise-Etappe durch Finnland!

Finnland schenkte unserer Funeral-Doom-Reise Legenden und Höhepunkte, für die wir der eisig-nordischen Region sehr dankbar sein können. Doch unsere Suche nach Beerdigungsklängen endet hier nicht, sondern wendet sich bald weiter nach Osten.

Alle Etappen unserer Funeral-Doom Reise gibt es hier.


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